Worum man nicht betteln kann

Da sitzt sie, gar durchaus nett anzusehen, saubere Kleidung und gepflegt, ein Basecap auf dem Kopf, dieses vielleicht zur Tarnung. Kein Ausdruck von unglücklichem, hässlichem Leben. Mit geradem Rücken und durchaus freundlichem Gesichtsausdruck den Becher haltend, in welchem das Glück fließen soll, ein bisschen Tagesglück. Ich frage mich, wem es gerade schlechter geht. Dem, der seit Jahren in schwierigen Beziehungen und unerfüllten Erwartungen lebt und wiederholt daran denkt, es sich leichter zu machen, für immer, oder ihr, noch in jugendlichen Jahren und arbeitsfähig. Wie viele Menschen gehen an ihr vorüber, sind beschäftigt in ihrem Treiben, ihren Besorgungen und Nöten und Gedanken. So viele Schicksale, die bewältigt werden wollen und gelebt werden müssen. Jeder Mensch sein eigenes, das ein ganzes Buch füllen könnte. Aber niemand von ihnen könnte betteln. Worum denn auch? Um eine gute Beziehung, um einen sicheren, erträglichen und einträglichen Arbeitsplatz, um die Sicherheit seiner Kinder, um Heilung, etwas mehr Geld, ein bisschen Erfolg, ein bisschen Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Harmonie, Liebe, Aufmerksamkeit, Freiheit, Ideen, Erkenntnisse, Erlebnisse und Ergebnisse, um eine bessere Vergangenheit? Sie tragen die Verantwortung dafür, sich um ihr Leben zu kümmern, und diese Verantwortung wiegt mitunter schwer.

Da sitzt er, viel zu schwer, freundlich schauend in seinem Selbstverständnis, grüßend, was ich als zudringlich und zu verbindlich empfinde und deshalb nicht beantworte. Heute hat er gar einen kleinen Hund bei sich. Dass er mit dem treuen Tier nicht (liebevoll) umgehen kann, ist offensichtlich, aber er hat beobachtet, dass Menschen gerne geben, wenn ein niedliches Hündchen dabei sitzt; es ist gut fürs Geschäft. Nicht jeder der potenziellen Wohltäter, der es möchte, kann sich die Kosten und die Zeit für die Haltung eines Hundes leisten.

Beide sind nicht in Lumpen gekleidet, sie scheinen nicht zu leiden, nicht zu hungern, nicht verzweifelt, krank und hoffnungslos zu sein. Ihre Haltung ist nicht gebeugt, ihre gar eher stolz. Eine rhetorische Frage: würde ein stolzer Mensch betteln? Man möge es mir verzeihen, wenn ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass sie es sich sehr bequem gemacht haben gegenüber anderen, die im täglichen Lebenskampfe sich auseinandersetzen für ein bisschen (mehr) Lebensqualität. Bettler haben es nicht bequem. Wer es nicht lernt, Verantwortung zu übernehmen, bleibt auf der Strecke. Es ist wie im Tierreich, wer keine Verantwortung für seine Familie übernimmt, verliert sie.

Und da sitzen andere, hingebungsvoll sich dem Dienst widmend, ausgesendet von ihrem Herrn, um einzusammeln.

Ergebnisse erzielt man nur durch Arbeit. Und diese Arbeit muss für die eigene Familie und für die Menschheitsfamilie erbracht werden, deren Teil man ist. Den Bedürftigen und Hilfesuchenden soll man helfen, wobei die beste Hilfe immer die der Anleitung zur Selbsthilfe ist. Wer sich selber helfen kann, kann auch anderen helfen. Wer sich selbst nicht helfen kann, darf andere um Hilfe bitten. So hilft man sich untereinander. Betteln ist jedoch etwas anderes.

Es gibt Bettler in anderen Ländern, die betteln müssen, weil sie keine andere Chance mehr haben (?). Dies ist jedoch ein gesellschaftliches Problem, welches wir hier in Deutschland so nicht haben. Hiesige Bettler sind oft Aussteiger. Meinen anfänglichen Gedanken, liebe Bettler, möchte ich wiederholen: was glaubst du, wie vielen Menschen, die täglich an dir vorbeilaufen, geht es tatsächlich besser mit ihren vielfältigen alltäglichen Problemen, als dir? Wie viele möchten manchmal alles hinschmeißen, so wie du, und tun es nicht, weil sie Verantwortung auf sich nehmen? Und du siehst es ihnen nicht unbedingt an; es muss weitergehen. Du siehst, dass sie etwas in den Händen tragen, was sie kaufen konnten oder mussten von ihrem erarbeiteten Geld, welches du nicht hast und von dem du dir einen kleinen Teil in deinen Pappbecher erhoffst.

Es steht mir nicht zu, zu urteilen über die Berechtigung deines Bettelns. Genauso wenig steht es mir nicht zu, zu urteilen über die Schnapsleichen, ich morgens gegen 07h00 auf dem Weg zur Arbeit vor dem Supermarkt pennend und versifft herumliegen sehe zur Schande unserer Politik und Kultur vor den Augen auch Fremdländischer. Und es steht mit vielleicht nicht zu, zu unterscheiden, wem ich Almosen gebe. Mein Gewissen jedoch, mein inneres Gefühl, lassen mich unterscheiden zwischen dem Faulen und dem (Menschen), der in seinem Schicksal (christliche) Gnade erhofft. Wie viele Helden gibt es, die in ihrer Versehrtheit unseren Zivilisationsbetrieb am Laufen halten, ohne zu klagen! Sie tun es, weil sie es tun müssen. Ob meine eigene Feigheit größer wäre als dies, ist mehr als fraglich. Deshalb würde ich lieber sterben als betteln. Wenn du dich das nächste Mal in die Fußgängerzone setzt, schaue deinen lieben Mitmenschen einmal genau in die Augen und versuche herauszufinden, wie es ihnen tatsächlich geht und ob sie in ihrem eigenen Leiden wirklich noch über deine Befindlichkeiten stehen. Friede sei mit dir!