Wem gehört die FaceApp?

Der Hype

Gestern erfuhr ich aus den Medien im Zusammenhang mit den Datenschutzbedenken zum ersten Mal über diese App – und probierte sie aus. Dies scheinen inzwischen nach Angaben von Google Play mindestens 100.000.000 (Einhundert Millionen) User gemacht zu haben (Stand 18.07.2019). Der russophobe Hype um diese App wird mit Sicherheit zu weiteren vielen Installationen geführt haben, die Neugier ist einfach zu groß. Wenn man die Absicht hegte, möglichst viele Menschen weltweit ihre Gesichter bzw. die ihrer Bekannten und Freunde auf US-Server von Amazon und Google zu laden, wäre dies gar eine clevere Taktik. Denn die Berechnung der veränderten Gesichter kann die App scheinbar alleine nicht leisten, weshalb sie eben auf die Server geladen wird, auf denen dann die benötigten “intelligenten” Algorithmen laufen können.

Da hier wieder einmal der ach so böse Russe bemüht wird, wollte ich gerne wissen, wer genau eigentlich hinter dieser App steht. Denn das “Drumherum” der unseriösen Datenschutzbestimmungen und des Lizenzmodells, welches man durchaus als Abzocke bezeichnen kann, entspricht eigentlich viel eher dem Geschäftsgebaren von z.B. Facebook oder anderer amerikanischer Big Player.

Der Riesenerfolg der FaceApp kommt unter anderen dadurch Zustande, dass Google Play sie als “Empfehlung der Redaktion” auszeichnet und an erster Stelle in ihrem PlayStore stellt, und dies trotz scharfer Angriffe von seitens US-Behörden und Medien gegen diese “russische Datenkrake“. Wer steckt also hinter dieser App? Wem gehört die FaceApp?

Adressenwirrwarr

Auf der App-Seite von Google sowie auf dem Smartphone über den App-Store werden bei den Angaben der Entwickler angegeben: 1000 N West Street Suite 1200 Wilmington, DE, 19801 (DE für den Bundesstaat Delaware), was über GoogleMaps auch gefunden werden kann. Wie kommt der Russe Yaroslav Goncharov, angeblich Founder & CEO (Gründer und Geschäftsführer) von FaceApp, zu einer amerikanischen Anschrift? Und warum erinnert mich FaceApp so an Facebook?

In den Geschäftsbedingungen des Entwicklers auf seiner Internetseite wird allerdings eine russische Anschrift angegeben: Wireless Lab OOO, 16 Avtovskaya 401, Saint-Petersburg, 198096, Russia. Diese nun ist allerdings bei Google Maps nicht zu finden, auch wenn ich aus dem Saint (eigentlich Sankt) ein St. mache, wie es üblicherweise geschrieben wird. Nach etlichen Suchvarianten wird mir lediglich “Avtovskaya St, 2, Sankt-Peterburg, Russland, 198096” angezeigt. Es gibt dort eine sehr lange Straße namens Avtovskaya Ulitsa (Avtovskaya Straße), es ist aber nicht klar, wo genau nun der Sitz der vom Entwickler angegebenen Anschrift liegt.

FaceApp firmiert unter dem Namen Wireless Lab OOO. Auch diese findet Google Maps nicht. Ebenso wenig die angebliche von Putin angeführte “russische Trollfabrik” Internet Research Agency (auch Glavset), mit welcher Wireless Lab OOO angeblich in Verbindung stehen soll. Die Straße Savushkina 55 St. Petersburg (angeblicher Sitz von Internet Research Agency), auf der englischen Wikipedia-Seite angegeben, allerdings schon, was jedoch noch nichts zu bedeuten hat. Was in Zusammenhang hiermit für russophobe Märchen verbreitet werden, vor allem im englischsprachigen Raum, ist erschütternd.

Hier nur ein Beispiel, was im Netz vielfach kopiert wurde: One Professional Russian Troll Tells All,  das erste “Beweisfoto” wurde bei Shutterstock eingekauft und zeigt … – was? Ein Großraumbüro für Putins “Troll-Armee” mit Computern und Bildschirmen? Fehlanzeige! Das zweite Foto (Viktor Rezunkow, RFE/RL [Radio Free Europe/Radio Liberty, ein US-Sender zum Großteil von der CIA finanziert!]) zeigt ein eher kleines Gebäude; hier sollen Hunderte “Trolle” arbeiten? Und was schreibt Wikipedia? “Es gilt als gesichert, dass die Organisation im Frühjahr 2015 nach Umzug in der Uliza Sawuschkina 55 in Sankt Petersburg ansässig ist.” “Es gilt als gesichert” ist kein Beweis! Wer außerdem als seriöse Agentur daherkommen und über andere Nationen berichten möchte und dabei absichtlich und zielgerichtet herabsetzende Begriffe wie “Troll-Armee” benutzt, ist als unseriös zu bezeichnen und nicht ernst zu nehmen.

Aber bleiben wir beim eigentlichen Thema. Da mir das Ganze nun doch ziemlich “spanisch” vorkommt, suchte ich das russische Firmenverzeichnis auf und fütterte es mit den Begriffen: “Wireless Lab” und “Internet Research Agency”, letztere ja die angebliche und so geschmähte Puting-Troll-Agentur. – Fehlanzeige!

Am Ende ist eine russische Firma “Wireless Lab OOO” nicht aufzufinden. Zusätzlich sei angemerkt, dass es etwas merkwürdig erscheint, dass ein App-Entwickler seine Firma “Wireless Lab OOO” benennt, also “Kabelloses Labor mit OOO am Ende. OOO könnte sich auf eine “russische Rechtsform der haftungsbeschränkten Gesellschaft” beziehen, andere Bedeutungen sind aber möglich. Dies wäre zumindest ein brauchbarer Hinweis.

Im Endergebnis fehlen also klare Hinweise für die Existenz einer Firma “Wireless Lab OOO” in Russland, des Weiteren eine Anschrift, die da lauten soll: “16 Avtovskaya 401, Saint-Petersburg, 198096, Russia“.

So lange diese Informationen unvollständig bleiben, glaube ich eher an eine “False Flag Operation” der Amerikaner oder Engländer die sich darum bemühen, so viele Gesichter wie möglich zu erhalten für ihre Datenbanken. Wenn es tatsächlich eine russische Firma sein sollte, wo wäre dann der Unterschied, ob die Fotos auf russischen oder amerikanischen Servern gespeichert würden? Haben wir denn schon die damaligen Geschehnisse um E. Snowden vergessen, der uns nachwies, dass der NSA u.a. aber auch wirklich alles hacken und speichern?

Wer ist Yaroslav Goncharov?

Was für Informationen gibt es eigentlich zum “Founder & CEO” Yaroslav Goncharov? “The Globe Post” stellte eine ähnliche Frage wie ich: FaceApp Craze: Who is the Russian Behind the Software? Hier erfahren wir auch folgende interessante Dinge. Aus dem dortigen Beitrag habe ich mir erlaubt einige Auszüge, vom Google Übersetzer übersetzt, hier wiederzugeben:

Nach dem Abitur schrieb er sich an der Fakultät für Mathematik und Mechanik der St. Petersburg State University ein. Als Student im zweiten Jahr arbeitete Goncharov bereits in Vollzeit.

Später flog er zur Arbeit in die USA, wo er ein Angebot von Microsoft erhielt. Er blieb zwei Jahre bei der Firma.

„Ich habe bei Microsoft in Redmond, USA, gearbeitet und abends einen Bot geschrieben, mit dem man Poker spielen konnte. Das neuronale Netzwerk war nur ein kleiner, auswertender Teil dieses Bots – zu dieser Zeit gab es keine Möglichkeit, eine Lösung zu erstellen, die vollständig auf dem neuronalen Netzwerk basiert “, sagte Goncharov in einem Interview mit der russischen Afisha Daily aus dem Jahr 2017.

Im Jahr 2018 zog Wireless Lab von St. Petersburg nach Skolkovo, einer „Innovationsstadt“ in der Nähe von Moskau, die oft als Russlands Silicon Valley bezeichnet wird. Skolkovo wurde erstmals 2009 von dem damaligen Präsidenten Dmitri Medwedew angekündigt. Darüber hinaus hat das Unternehmen Berichten zufolge ein Büro in Wilmington, North Carolina, und FaceApp Inc ist dort registriert.

In dem Artikel der “The Globe Post” gibt es außerdem den Hinweis auf die Internetseite https://wirelesslabltd.ru/.

Im Jahr 2018 zog Wireless Lab von St. Petersburg nach Skolkovo, einer „Innovationsstadt“ in der Nähe von Moskau, die oft als Russlands Silicon Valley bezeichnet wird. Skolkovo wurde erstmals 2009 von dem damaligen Präsidenten Dmitri Medwedew angekündigt. Darüber hinaus hat das Unternehmen Berichten zufolge ein Büro in Wilmington, North Carolina, und FaceApp Inc ist dort registriert.

Auf der wirelesslabltd.ru-Seite finden wir nun eine weitere Anschrift: 121205, Moskau, Gebiet des Innovationszentrums Skolkovo, Bolshoy Boulevard, 42, Gebäude 1, Etage 4, Raum 1485, Arbeitsplatznummer 10.

Unter einer Limited (Ltd., wie in der russischen Domain angegeben) versteht man die im britischen Gesellschaftsrecht verankerte Form der Kapitalgesellschaft. Dies sind weitere Indizien für eher englisch-amerikanische Einflüsse, am wenigsten jedoch für eine angebliche Zusammenarbeit mit “Putins Troll-Armee”. Wir haben es also, FaceApp betreffend, nicht ausschließlich mit einer russischen Angelegenheit zu tun, und es ist frappierend, wie reflexartig, ohne näher hinzuschauen, die deutschen “Qualitätsmedien” wieder auf den antirussischen Zug aufspringen und anfangen zu bellen, um sich abermals zu blamieren.

Vorsicht ist bei der App allemal geboten. Nicht jedoch, weil sie aus Russland kommt.

@theglobalpost: If you have problems with the publications, please contact us by e-mail. Then we will find a solution.