Seelenglas

Von draußen drangen Geräusche der Straße, Stimmen und ein paar funkelnde Lichtstrahlen in mein kleines Zimmer. Sich irgendwo auf eine Bank setzen und dem Treiben zuschauen, den Vögeln lauschen, Blütenduft in der Nase, den Wind auf der Haut spüren … Ich war müde und legte mich lieber auf meine Pritsche, wollte mir eine Welt träumen, die mir besser gefiel, um schließlich aufzuwachen, und alles wäre gut … Das tat ich oft, wenn ich Rückzug brauchte. So Wunschbilder vor meinem inneren Auge malend, versank ich wieder einmal langsam in leichten Schlaf …

Aus meinen Wunschbildern formte sich ein Traum, der häufig wieder kam. Ein Traum, lautlos, verschlossen, einsam. Eine Fliege an einem verriegelten Fenster, und durch das Fenster zeigt sich das blühende, pulsierende Leben. Eine Erinnerung wird wach, in der ich als sehr Kleines im Bett liege, allein, im Nebenzimmer Licht, Besuch, ferne Worte, nicht gelebte Augenblicke des Lebens, Stille.

Eine Fliege hastet auf dem Fenster hin und her, das unsichtbare Hindernis zu durchdringen, raus ins Leben, welches so nahe scheint. Wohin? Wo durch? Kein Spalt von Hoffnung, kein Lüftchen Freiheit. In diesem Traum träume ich einen anderen Traum. Ich fliege aus dem Fenster hinaus in die Welt, sehe alles Grün und Blühen sonnenüberstrahlt, die Luft so leicht und tragend, erfrischend und erfreuend. Ich lebe.

Solch ein Leben in reinem Sein bedarf nichts Weiteres außer dieser Frische des Lebens. Was müsste hinzugefügt, ergänzt werden zur Vervollkommnung? Rein gar nichts. Alles, wie es ist und lebt, ist vollkommen in seiner Vielfalt und Dynamik.

Menschen sehe ich flanieren durch die blühende Flur, manche reden, spielen, andere tanzen, tanzen das Fest des Lebens. Dort will ich hin, denn ich, ja, ich bin noch nicht vollkommen. Erst im Beisammensein mit anderen, im gemeinschaftlichen Tun, im wechselseitigen Agieren, Geben und Nehmen, Erzählen und Lachen, Tun und Helfen, kann ich vollkommen sein. Ohne dies bleibe ich, frei fliegend, wie die Fliege hinterm Fenster.

Wind treibt mich, hier hin, dort hin, ein Stück zu, ein Stück weg vom bunten Treiben des Lebens. Um ans Ziel zu kommen, bedarf es einer gewissen Anstrengung. Wie groß, wie stark ist mein Wille, diese Kraft aufzubringen? Es trägt mich fort, bis am Horizont dunkle Wolken erscheinen, vor ihnen fällt im Schleier Regen. Vielleicht bringt mich dieser Regen nach unten, zu den anderen.

Und dann finden wir in froher Gemeinsamkeit Schutz vor der Nässe und bestaunen miteinander dieses Farbenspiel, wartend auf den nächsten Sonnenstrahl, sich glanzvoll spiegelnd in einem lachenden Tropfen oder einer verspielt kräuselnden Pfütze. Vielleicht gar tanzen wir alle zusammen durch den Schauer, wie die Kinder, für die der Regen nur eine weitere lustige Spielvariante ist. Und nicht eine nasse Kehrseite, und danach ginge das Leben irgendwie weiter … Alles ist Leben in seinen Dualitäten und seinem ewigen Ja.

Erwachend sehe ich die Fliege am Fenster. Der Raum bin ich, die Fliege ist mein Geist, meine sehnende, suchende Seele. Das Fenster jedoch aus Glas scheinbar undurchdringlicher Glaubensmuster, Gedanken. Das Wirkliche, das Leben, ist da. Was mich davon trennt, ist unwirklich, durchscheinend. Alles ist da für mich, und nichts trennt mich davon, außer dem Glauben, dass es so wäre.

Noch einmal erwache ich, öffne die Augen, sehe mich im Zimmer liegen. Dort ist das Fenster, durch welches das lichte Leben zu mir dringt. Ich will raus, leben. Schläfrig richte ich mich auf, taumle halb zum geschlossenen Fenster. Ich bin die Fliege, schaue hinaus ins Weite und lass meinen Blick schweifen. Dort ist das Leben. Und ich bin hier. Also öffne ich das Fenster und ziehe die frische Luft tief durch meine Nase. Das ist gut! Jetzt muss ich nur noch raus, fliegen …

Vor meinen Augen läuft mein Lebensfilm. Auf einer Glasscheibe sehe ich alles Geschehen meines irdischen Daseins, ich Fliege. Die Szenen des Lebens wie in einem Kaleidoskop hinter verschiedenen Facetten, und ich bin stets der, der zuschaut. Eine Szene nach der anderen im Kaleidoskop zerspringt in tausend Splitter, die sich tief in meine weiche, empfängliche Seele bohren. Jedes Zerspringen ein Schrei unerfüllten Suchens, jede Scherbe ein Moment meines Schicksals. Übersät mit Splittern werde ich immer mehr selber zu Glas, zum Spiegel meines eigenen Lebens. Als das letzte Kaleidoskop-Fenster zerbirst und die Splitter als verbleibende Mosaiksteinchen meinen neuen Glaskörper vollenden, dehnt sich die Zeit meines Fallens plötzlich  z e i t l u p e n h a f t. Ich fliege nicht mehr, ich stürze schwebend schwer und langsam dem Ende entgegen. Als ich federnd aufschlage, zerplatzt im Zeitraffer meine gläserne Welt mit stillem Knall. In unendlichen Teilchen zerstiebt mein Selbst als kosmischer Seelen-Staub in die unergründlichen Dimensionen des Alls und verschmilzt mit dem Ur-Selbst in kosmisches Nichts. Ein unbedeutender Wimpernschlag Gottes in ewigen Äonen. Aus nichts wird alles und alles wird zu nichts, ein ewiges Spiel in einem einzigen Augenblick, ein unsterblicher Traum in Ewigkeit.

Ein weit offen stehendes Fenster, an dessen inneren Glasscheibe eine Fliege sitzt. Sie hastet auf dem Fenster hin und her, das unsichtbare Hindernis zu durchdringen, raus ins Leben, welches so nahe scheint. Dort will ich hin.

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