Photocina 2050

»Sehr geehrte Damen und Herren, ich bitte um Ihre geschätzte Aufmerksamkeit! Wir haben uns heute zusammengefunden, um einem großen Augenblick beizuwohnen und die Fertigstellung einer neuen Produktentwicklung zu feiern, für die wir uns bei dieser Gelegenheit bei allen Mitarbeitern der ColorLight AG ganz herzlich bedanken. Auf der Photokina 2050 im bevorstehenden Sommer werden wir erstmals die Gelegenheit haben, unser Produkt der Öffentlichkeit als fotografisches Highlight vorzustellen. Es wird vielen von Ihnen außerdem erfreuen zu erfahren, dass wir diesen Zeitpunkt dazu nutzen möchten, unsere Firma an die Börse zu bringen, so dass Sie demnächst die einmalige Gelegenheit haben werden, Aktienanteile zu erwerben, um an unserem weiteren Wachstum zu partizipieren. Nähere Einzelheiten dazu können Sie, verehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in der nächsten Ausgabe unserer Betriebs-Zeitung lesen. Nach dieser kurzen Ansprache wird Frau Laura Candle Ihnen eine kleine Präsentation vorführen und Ihnen zeigen, was für Aussichten und Entwicklungen wir in den kommenden Zeiten zu erwarten haben. Wir haben für Sie außerdem ein paar leckere Kleinigkeiten zusammengestellt; also, bitte bedienen Sie sich, und viel Spaß mit der folgenden Präsentation!«

Ich saß mit in der Runde und beobachtete das bunte Treiben. Der Vorstand hatte mich ebenfalls eingeladen, und unser Chef für Forschung und Entwicklung teilte mir mit, dass er am Anschluss eine kurze Unterredung mit mir wünsche. Als leitender Ingenieur kannte ich den Stand der Dinge, und eigentlich war es etwas früh für diese Veranstaltung, aber das war Sache der Marketing-Abteilung, nicht meine. Ich erinnerte mich, als wir Bahnbrechendes entwickeln wollten. Alle Hersteller trumpften mit immer mehr Pixeldichten auf den gleichgroßen Sensoren auf, bis auf wenige Consumer-Bereiche, wo man wusste, dass man ambitionierten Fotografen einen Qualitätsanspruch verkaufen konnte. Für mich persönlich war vor vielen Jahren bei ca. 120 Megapixel einfach Schluss, weil die Datenmengen immer größer wurden. Was soll ein Hobbyfotograf mit einer JPEG-Datei von 80 MB Größe? Wir führten in der Entwicklungsabteilung viele Gespräche, es gab klare Tendenzen, wir wussten aber auch, dass man den Markt steuern konnte. Und so versuchten wir in langen Debatten Bildqualität neu zu definieren, um daran neue Produkte auszurichten. Die Display-Hersteller hatten ein Niveau erreicht, dass derzeit nur noch von der stetig boomenden Video-Industrie bedient werden konnte. 32k 3D war ohne Zusatzbrillen so plastisch und lebendig geworden, dass man meinte, sich inmitten den Szenen wiederzufinden. Aber die Fotografie stagnierte. Funktionsumfang, Ausstattung, Zubehör entwickelten sich, aber die Fotos sahen auf den Bildschirmen beinahe aus, wie vor vielen Jahren. Es waren eben nur Fotos. Genau dies wollten wir ändern. Unsere Intention war, mit neuer Foto-Technologie das reale Leben auf den Mattscheiben abzubilden. Wer auf einem Bildschirm ein Foto sah, sollte denken, er würde direkt in eine Landschaft oder sonstige Szenerie schauen. Dazu waren neue Sensoren und neue Prozessoren, die die gespeicherten Daten schnell genug verarbeiten konnten, nötig. Wir brauchten ein genaues, perfektes Abbild der Wirklichkeit auf dem Chip. Bevor die Video- und Display-Hersteller mit ihrem Real-Life-Standard ihren Durchbruch hatten, musste der Kontrastumfang eines Foto-Motivs vor der Bildspeicherung immer stark komprimiert werden, da es bis dahin kein Bildsystem gab, das den kompletten Kontrastumfang der Natur in einem Bild darstellen konnte, was sich jedoch bald ändern sollte. Wir entwickelten einen Chip, der praktisch in der Lage war, die vollständige Matrix des Objektes bzw. des Motivs und seiner Umgebung auf den Chip zu kopieren. Wir stellten allerdings fest, dass, um diese Matrix vollständig darstellen zu können, auch die modernsten Monitore für die Wiedergabe nicht ausreichten. Also entwickelten wir auch diese neu. Die Ergebnisse waren spektakulär und die Firmenleitung völlig aus dem Häuschen. Der Prototyp unserer neuen Foto-Maschine LUMIS 4D war fertig, aber wir brauchten noch etwas Zeit, weshalb mir diese Veranstaltung etwas voreilig erschien.

»Hallo Herr Kulnow«, sprach mein Chef, Herr Gardner, mich an, »amüsieren Sie sich gut?«
»Ja, ich amüsiere mich immer, wenn jemand seinen Geburtstag vorfeiert.«
»Panik?«, er schmunzelte.
»Nein, nicht wirklich, aber so kurz vor dem Ziel möchte ich meine Mitarbeiter nicht unnötigem Druck aussetzen.«

»Mmmh, kann ich gut verstehen … Ich wollte Sie eigentlich um etwas bitten. Sie wissen ja, dass die Photokina bevorsteht, und da fände ich es gut, wenn wir dort der Presse ein paar Fotos präsentieren könnten. Ich möchte natürlich nicht irgendjemandem mit unserer neuen Erfindung auf die erste repräsentative Fotostrecke schicken. Deshalb wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie sich der Sache annehmen würden. Die Hauptmotive sollen vorzugsweise Menschen in allen denkbaren Situationen sein. Beim Autofahren, Eis essen, beim Einkaufen, diskutieren, von mir auch beim Knutschen«, grinste er. »Wir brauchen Szenen!«

Ich nickte. »Ja, gerne. Wann kann ich starten?«

»Unser Sicherheits-Chef wird Sie in ca. einer Stunde abholen und Sie zum Safe mit dem Prototyp bringen. Dort übergebe ich Ihnen die Kamera. Sie müssen dann nur noch die Übergabe unterschreiben und dann können Sie loslegen. Sie wissen ja; Formalitäten. Montag früh vor Arbeitsbeginn erwarte ich Sie dann wieder vor dem Safe. Was ich noch sagen wollte, die Fotos werden wir hier im Büro einer ersten Betrachtung und Analyse unterziehen.«

Ich wusste, das bedeutete absolute Vertraulichkeit gegenüber einem Betriebsgeheimnis. Warum Herr Gardner ausschließlich Menschen fotografiert haben wollte, erschloss sich mir erst viel später. Nachdem ich die Kamera empfangen hatte, packte ich sie in mein Auto und fuhr Nachhause. Dort angekommen juckte es kräftig in den Fingern, ich war ja selber Fotograf. Die Kamera bleib natürlich nicht im Auto liegen. Ich saß nun auf der Veranda meines Hauses und drehte die Kamera in meinen Händen hin und her, sah mir jedes Detail genau an und war schon erstaunt, was wir da in anstrengender gemeinsamer Arbeit entwickelt hatten. Früher mussten Sensoren, Objektive, aber auch Teleskope für maximale Leistung ebensolche maximalen Ausmaße haben. Die Natur hatte uns jedoch eines Besseren belehrt. Was für ein Auflösungsvermögen haben beispielsweise Adler mit ihren Augen! Noch aus 1.000 Metern Höhe können sie unten auf der Erde Winzigkeiten wie Mäuse erkennen und sicher erjagen. Die Natur hat diese intelligenten Vögel raffinierter Weise mit zwei Sehschärfezentren ausgestattet, so dass sie gleichzeitig nach vorne und zur Seite scharf sehen können. Schon die Rechenkapazität eines menschlichen Gehirns bei der Grundmotorik für die unterschiedlichsten Seh-Anforderungen würde die weltweite Jahresproduktion an Silikon-Wavern erfordern und einen Computer verlangen, den wir nie bauen könnten. Diese und viele andere Erkenntnisse, vor allem eben die des menschlichen Sehens, wurden in unserem Projekt verrechnet und so umgesetzt, dass ein nahezu getreues Abbild der Natur aufgezeichnet und wiedergegeben werden konnte. Dabei halfen uns aktuelle Erkenntnisse der Nanotechnologie und der Quantenphysik. Letztere lehrte ja, dass wir das zu sehen bekommen, was wir erwarten bzw. beobachten wollen; das gleiche Objekt sehen wir dann als Welle oder als Teilchen – wir erschaffen durch unsere Art der Beobachtung und Wahrnehmung gewissermaßen unsere Erfahrung, unser Sein.

Draußen hörte ich das Auto meiner Frau, sie brachte unsere Kinder mit. Die Kamera verschwand in einem Schrank, wo die Kinder nicht rankamen.

»Hallo Schatz, na, wie war Dein Tag heute?« Vanessa war wie immer sehr charmant. Nie erlebte ich sie unfreundlich oder mürrisch. Wir setzten uns, tranken Kaffee und plauderten über unser Tagesgeschehen, soweit wir die Kinder mit einbeziehen konnten.

»Morgen Vormittag komme ich mit in die Stadt. Die Stadt wird voll sein und ich werde ein paar Fotos mit unserer neuen Kamera machen. Wir wollen sie auf der Photokina der Presse zeigen.«
»Mmmh, ich dachte, man präsentiert sich eher mit neuer Technik?«
»Ja, das natürlich auch, aber wenn Du die Fotos siehst, weißt Du, warum wir sie unbedingt zeigen müssen. Vielleicht schauen wir uns beide morgen schon die ersten Bilder an. Du wirst staunen!«
»Ja, gerne, ich bin sehr gespannt!«

Es war Samstagmorgen, die Kinder sollten ihre Zimmer aufräumen, Hausaufgaben machen, Verabredungen treffen. Vanessa machte schon mal Besorgungen für das Wochenende. Wir würden uns nachher treffen, um anschließend gemeinsam anstehende Dinge zu organisieren, einkaufen etc. Indes hatte ich Zeit, mich auf die Lauer nach ein paar interessanten Szenen zu machen. Man musste eigentlich gar nicht suchen. Ich schlenderte gemütlich durch die treibende Menge, setzte mich zwischendurch auf eine Bank, und wartete auf dem passenden Moment. Das Beobachten dieses Treibens hatte mich schon immer fasziniert; wie aus einem Guss, wie ein Gesamtorganismus, strömte die Masse an Menschen ungewissen Zielen zu, bewegte sich wie das Fließen eines wilden Flusses, getrieben mehr von äußeren Einflüssen, als inneren Notwendigkeiten. Niemand, der ruhte, geschweige denn beobachtete. Dort hastende Mütter mit ihren Kindern an der Hand, hier laut diskutierende junge Männer, woanders ein sich kurz küssendes Pärchen, spielende, sich anbellende Hunde. Aber, was für ein Zeitvertreib, alle kauften, außer den Hunden; es war ein Phänomen. Als ich mit Vanessa über den Markt schlenderte, machte ich noch ein paar Fotos von Obstständen, immer darauf bedacht, den Gurt der Kamera nie vom Hals zu nehmen. Und wenn ich nicht fotografierte, tat ich sie unter meine Jacke. Manchmal dachte ich, dass ich wohl beschattet würde, um einem eventuellen Verlust der Kamera durch einen Raub vorbeugen zu können.

Am Nachmittag hatten wir Ruhe. Die Kinder wurden von Opa abgeholt, und würden sich an diesem Wochenende von ihren Großeltern verwöhnen lassen. Sonntagnachmittag würden wir sie nach Kaffee und Kuchen wieder mitnehmen. Vanessa und ich hatten uns am Nachmittag leicht bekleidet ein wenig lang gestreckt. Ich scherzte:
»Wenn ich die Kamera nicht wieder zurückbringen müsste, würde ich jetzt fotografieren.«
»Oh« scherzte sie, »Aktfotos, die wie echt aussehen, haben bestimmt eine besondere Wirkung.«
Wir lachten. Vanessa war zwar eingeweiht in die grundlegenden Ergebnisse, wusste, worum es im Allgemeinen ging, allerdings ohne technische Details, die sich ohnehin ihrem Verständnis entziehen würden.
»Wo wir schon dabei sind; lass doch mal sehen!«

Eigentlich wollte ich es mir noch etwas gemütlich mit ihr machen, und so kuschelte ich mich an sie ran.
»Die Kamera, oder ich!«, stellte ich mein Ultimatum.
Sie lachte, »ok, erst du, und dann die Kamera.«

Etwas später standen wir auf und kochten Kaffee. Wir machten Pläne für unseren heutigen freien Abend, die Kamera lag auf dem Tisch. Vanessa setzte sich zu mir und lächelte mich erwartungsvoll an. Ich nahm die Kamera in die Hand, schaltete sie ein und aktivierte die Bild-Vorschau. Schon das erste Foto war eine Offenbarung. Vor vielen Jahrzehnten gab es bei Kameras mal so ein Feature, dass seinerzeit „LiveView“ genannt wurde; Voransicht und Hineinzoomen mit Hilfe eines Farbdisplays, was einigermaßen gut funktionierte. Aber das hier waren wirklich „lebendige Ansichten“, allerdings nach dem Fotografieren. Die Vorschau zeigte komischerweise die Fotos in der verkehrten Reihenfolge an. Ok, dachte ich mir, da muss noch etwas an der Firmware geändert werden. Und so zeigten sich uns zuerst die Fotos vom Markt. Es war unglaublich. Das waren keine Fotos, auf denen man Obst sah, nein, wir sahen Obst in reinster Natur! Wir sahen diese Dinge und meinten, sie greifen zu können. Ein absolut plastisches, reales Bild. Noch erstaunter waren wir bei einem Foto, bei dem links oben die Sonne zu sehen war. Das Bild blendete! Schauten wir von der Sonne weg zu einem anderen Punkt auf dem Foto, konnten sich unsere Pupillen wieder normal öffnen, schauten wir wieder Richtung Sonne, mussten wir die Augen zusammenkneifen, um nicht geblendet zu werden. Das war weitaus mehr, als wir erwartet hatten. Es war uns gelungen, den kompletten Kontrast der Natur fototechnisch darzustellen! Unsere Ingenieure hatten hervorragende Arbeit geleistet. In die einzelnen Bilder konnte man durch Fingergesten bis zu 1000-fach hineinzoomen, ohne dass sich die Auflösung und Schärfe auch nur im Geringsten verringerten; wie unter einem echten Mikroskop. Wir waren fasziniert. Was wir dann jedoch zu sehen bekamen, verschlug uns den Atem, um genauer zu sein, wir erschraken. Einige Fotos, auf denen ich Szenen mit Menschen abgelichtet hatte, lebten! Die Menschen, auf die der Fokus scharf gestellt hatte, bewegten sich, die Szenerie erweiterte sich um einige Momente, um schließlich an einem bestimmten Punkt zu enden, immer genau nach 3 Sekunden. Das war ein „Feature“, das so gar nicht vorgesehen, mir zumindest bislang unbekannt gewesen war. Ich versuchte mir zu erklären, was da technisch ablief und nahm mir für den nächsten Tag vor, mir die Bilder auf meinem Standardmonitor in Ruhe anzuschauen. Es war spät und für heute reichte es.

Am Sonntag nach dem Frühstück holte ich den Speicherchip aus der Kamera, doch es klingelte unerwartet und Vanessas Eltern standen vor der Tür. Etwas missmutig und eilig packte ich die Heimlichkeiten wieder weg und wir machten uns fertig für einen Familienausflug. Am Montag war auch noch Zeit, und die bekam ich sogar bezahlt.

Am Montagmorgen packte ich die Kamera wieder ein und fuhr in die Firma. Dort übergab ich unser Kunstwerk wieder der Sicherheitsabteilung, ließ mir alles quittieren und begab mich in mein Büro, um meinen Bericht zu schreiben. Später erfuhr ich, dass wir bereits „Besuch“ hatten und das ganze Projekt dadurch erstmal zum Stillstand kam. Unsere Entwickler hatten vorerst keine Möglichkeit, das Phänomen zu enträtseln. Erst Monate später fanden sie heraus, dass ihr Versuch, das vollständige originale Quanten-Gebilde dessen, was wir Wirklichkeit nennen, vollkommen aufzuzeichnen und abzubilden, perfekt umgesetzt worden war. Das Leben ist zwar derart dynamisch und komplex, dass Vorhersagen zu einzelnen, selbst kürzesten, Situationen eigentlich nicht möglich sind, da zu viele Wahrscheinlichkeiten zur beliebigen Weiterführung des jeweiligen Ereignisses existieren. Deshalb waren die allermeisten Menschenfotos aus meinem Test auch statisch, das heißt „normal“. Jedoch in ganz bestimmten Situationen entstanden diese Bewegt-Bilder. Wir benötigten noch etliche Tests und Forschungsreihen, um zu verstehen, warum dies so war. Es waren dies schließlich Situationen, in denen ganz bestimmte Vorgänge sich so weit entwickelt hatten, dass sie letztlich zu einem ganz klaren, definitiven Endresultat führen mussten, Situationen, in denen man sprichwörtlich „keine Chance“ mehr hatte; Schicksal, Karma, wie immer man es nennen wollte. Ähnlich dem, wenn ein fallender Ziegelstein eine Distanz erreicht hatte, bei der eine bewusste Reaktion oder eine äußere Ablenkung nicht mehr vermeiden konnte, dass dieser auf den Kopf eines unglücklichen Passanten krachte. Diese Entdeckung hatte Folgen, zum Beispiel für die Prävention und Aufklärung von Straftaten oder für Dinge, über die gerne spekuliert wurde oder die man in Gewinne umzusetzen wünschte. Für die reine Fotografie gab es jedoch große Bedenken, diese Funktion durch Markteinführung jedermann zur Verfügung zu stellen; es konnte kein Ersatz für die Videografie werden. So die offizielle Lesart, und so verschwand die Erfindung zunächst für unbestimmte Zeit im Tresor unserer Firma. Dieses besondere Feature sollte sozusagen wieder herausgearbeitet werden. Aber damit war die Geschichte natürlich nicht zu Ende.

Ich klopfte und betrat das Büro von Herrn Gardner.

»Guten Tag Herr Gardner.« Er saß mit Blick zum Fenster und schien in Gedanken versunken. Es vergingen einige Sekunden bis zu seiner Begrüßung. Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, bis er seinen Kopf hob.
»Herr Kulnow, bitte kommen Sie herein und nehmen Sie Platz! Wir haben einiges zu besprechen.« Diese Förmlichkeit ließ ein ungutes Gefühl in mir aufsteigen.
»Können Sie sich noch an unser Gespräch unmittelbar nach der Präsentation erinnern?« Ich erinnerte mich noch sehr gut an die Situation.
»Ja, sie baten mich, ein paar Fotos von Menschen zu machen, die wir auf der Photocina der Presse vorführen wollten.« Er nickte und antwortete:
»Sie werden sich sicherlich vorstellen können, dass unsere Entwicklung bestimmten Gruppierungen, so will ich es mal nennen, nicht entgangen ist.« Ja, natürlich, ich verstand es sofort. Dass dies eine gewisse geheimdienstliche Tragweite mit sich bringen würde, hatte ich längst erfasst, nicht jedoch, dass es uns so bald ereilen würde.
»Um ehrlich zu sein« sprach Gardner weiter, und nun legte er eine kleine Pause ein, »es ist in der Tat so, dass wir im Auftrag handelten.« Er schaute mich prüfen an.
»Ah, ich verstehe.«
»Nein, Sie verstehen noch nicht ganz.« Ich wartete darauf, dass er weiterredete.
»Als Chefingenieur wird in der Sache nun Ihre weitere Mitarbeit eingefordert. Mir war nicht bekannt, dass die Firma einen derartigen Deal ausgehandelt hatte.«

In mir kochte es hoch und ich entgegnete: »wenn ich jemals die Intention gehabt hätte, für das Militär zu entwickeln, hätte ich dies tun können. Angebote erhielt ich genug. In diesem Fall unterliegt meine Geheimhaltungspflicht ausschließlich den betrieblichen Bestimmungen, und einen Arbeitsvertrag unterschrieb ich für diese Firma, die mich scheinbar verkauft hat, ohne mich vorher zu fragen oder darüber zu informieren. Wie stellen Sie sich das denn vor? Und wie wollen Sie die patentrechtliche Sache regeln.? Ich habe ein eigenes Patent mit in die Entwicklung eingebracht, allerdings unter der Voraussetzung…« Gardner unterbrach mich.

»Ja, ich weiß. Seien sie doch nicht so borniert, über Geld lässt sich reden! Die zahlen alles dafür!« Garner machte dabei eine ausladende Geste.
»Borniert?!« Das Gespräch war dabei, vollends zu eskalieren. »Wir haben nach Jahren endlich wieder ein Produkt, mit dem wir unseren Kunden, und überhaupt dem Fotomarkt, einen echten Mehrwert anbieten können. Wir haben ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem wir der Konkurrenz einige Jahre voraus sind. Dass ist das, wofür ich arbeite, für den allgemeinen Nutzen, nicht für ein paar Geheimniskrämer, die sich wichtigmachen wollen, in dem sie meinen, sie hätten anderen in der Bespitzelung und Überwachung irgendetwas voraus! Und was Ihr Geld anbelangt; ich bin nicht käuflich, und schon gar nicht dafür und auf solche Art und Weise! Sie entschuldigen mich bitte!«

Ich hatte mich mit meinem Chef angelegt, nicht zum ersten Mal, aber diesmal ordentlich. Vielleicht war es besser, ich kündigte. Das Patent…, sollen sie es haben, ich hatte keine Lust, mich für Jahre an irgendwelchen Abmachungen mit Geheimdiensten binden zu lassen. Die Konkurrenz schläft nicht, die würde sich schon melden! Würde man mich aber in Ruhe lassen, meine Frau, meine Familie…?

Frauen sind ja eine besondere Spezies, wenn es um eine gewisse Raffinesse geht. Als Vanessa nach Hause kam und mich im Wohnzimmer sitzen sah, erkannt sie sofort, dass etwas „im Busch“ war. Sie begrüßte mich wie immer mit einem Kuss.

»Hi Schatz, na, was gibt’s Neues?«
Ich schaute sie an. »Hast Du Lust, uns ‘n Kaffee zu machen?« Sie grinste und fragte: »mit Cognac?« Ich scherzte zurück: »die Flasche!«
Wir genossen das Aroma frischgemahlener Kaffeebohnen und ich erzählte ihr von meinem Gespräch mit Gardner.

»Fehlt nur noch, dass die mir mit irgendwelchen geheimen Patriot-Act-Geschichten kommen. Eigentlich sollte ich mein Patent für den Speicherchip von einem Rechtsanwalt mit Alleinverwertungsrechten verklausulieren lassen. Das Patent ist immer noch privat, weil die Herrschaften es nie geschafft hatten, einen vernünftigen Vertrag zu formulieren. Wir arbeiten dran! Lächerlich…« Für die Produktion des Chips hatte mir die Firma allerdings ein Labor eingerichtet. Aber ich hatte ansonsten freie Hand und verbaute den Prototypen in Eigenregie. Und dieser verdammte Chip steckte nun in dieser Kamera, unter Sicherheitsvorkehrungen verwahrt.

»Sag mal,« sprach Vanessa, »du wolltest dir doch nach dem ersten Shooting die Fotos einmal vergleichsweise am Monitor in deinem Arbeitszimmer anschauen.« Meine Gesichtszüge entgleisten. Stimmt! Aber wir wurden durch plötzlichen Besuch gestört, und…, ja, die Chipkarte…, die hatte ich bereits aus der Kamera geholt…

»Wo ist sie?« Mein Blick schweifte suchend durchs Wohnzimmer.
»Du hattest sie gestern schnell in der Schublade der Schrankwand verschwinden lassen. Heute Morgen, du warst bereits mit der Kamera unterwegs zur Firma, hatte ich vorsichtshalber nachgeschaut und die Karte in der Schublade vorgefunden. Sie liegt jetzt oben im Safe.«
»Nicht zu glauben,« antwortete ich, »die Security hat mir heute Morgen die Kamera abgenommen und nicht einmal nachgeschaut, ob der Speicherchip in der Kamera steckt. Die Kamera wurde in meiner Anwesenheit in den Tresor gelegt und liegt jetzt dort unter Verschluss, und niemand weiß etwas davon!« Ich ging auf sie zu, »du bist ein Schatz!«
»Und was hast du nun vor?«
»Ich werden zum passenden Moment kündigen, so dass niemand Verdacht schöpft, ich hatte es ja im Prinzip schon angekündigt. Und dann werde ich mein Patent verkaufen. Über das Verschwinden des Chips dürfen sich andere den Kopf zerbrechen, ich bin raus. Der Tresor wird nämlich nicht nur videoüberwacht.«

In Wirklichkeit hatten wir für den Geheimdienst entwickelt, der die Kamera Wochen später nach der Datenanalyse für weitere Experimente mitnahm. Und plötzlich fehlte ein wichtiges Detail, von dem niemand mehr feststellen konnte wann und wie es verschwunden war. Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Firma bereits verlassen und trug mich mit dem Gedanken, meine eigene Firma zu gründen, was ich später auch erfolgreich tat.