Kurzgeschichte - Die drei goldenen Haare des Teufels

 

An einem kalten Novemberabend besuchten mich zwei Freunde, um eine gemeinsame Séance zu zelebrieren. Es war spät  als sie kamen. Wir setzten uns zunächst ins Wohnzimmer an den Ofen um uns zu wärmen und einzustimmen. Bald zogen wir die Vorhänge zu und zündeten ein paar Kerzen an. Der Wind ging ums Haus, auf dem Tisch stand ebenfalls eine schwarze Kerze, und das Zauberbrett lag bereit. Wir besprachen, zu welchem Thema wir das zu Board befragen gedachten und einigten uns schließlich darauf, etwas über unsere Zukunft erfahren zu wollen. Was könnte auch spannender sein! Wir hatten keinerlei Erfahrung in solchen Dingen, hatten irgendwo schon einmal etwas darüber gelesen, und auf der letzten Party hatten wir beschlossen, es einfach mal zu probieren, herauszufinden, ob irgendetwas von dem stimmen mochte, was man mitunter so hörte.

Es dauerte schließlich eine gute Stunde bis wir zur Ruhe kamen und uns voll und ganz auf die eigentliche Sache konzentrieren konnten. Schließlich legten wir unsere Hände übereinander auf dem Stein und warteten. Es herrschte absolute Stille, beinahe konnte man das Flackern der Kerzen hören. Wir atmeten flach, unmerklich, und richteten unsere Aufmerksamkeit voll und ganz auf die Erwartung kommender Geschehnisse. Niemand muckste sich, wir waren innerlich angespannt, und mit einem mal fing es an zu zucken! Der Stein regte sich, regte sich noch mehr, und wir ließen uns führen. Unsere Hände folgten dem unwiderstehlichem Zug des Steines, dem wir unsere Kräfte übergeben hatten. Wir leisteten keinen Widerstand, der Stein fing an zu wandern und übernahm die volle Kontrolle über unsere Hände, die wir in Stille und Spannung mit unseren neugierigen Blicken verfolgten. Und so besuchte der Stein nacheinander bestimmten Buchstaben, die schließlich einen Namen ergaben - TEUFEL.

Als der Stein auf dem letzten Buchstaben stehen blieb, schauten wir Drei uns an in der Erwartung, was nun wohl passieren würde. Die Kerze flackerte nun noch stärker - und ging plötzlich aus. Aus dem Nichts tauchte ER auf, zuerst ein matter Schein, den wir für eine Illusion hielten, aber dann stand er vor uns; leibhaftig in rötlichem Schein. Er loderte wie ein rotes Kaminfeuer und brachte einen Geruch von verbrannten Streichhölzern mit. Uns blieb das Herz stehen als er anfing zu sprechen. "Ihr habt mich gerufen, was ist euer Begehr?!" tönte seine Stimme wie aus einem tiefen Gewölbe. Wir waren starr vor Schreck und brachten kein Wort über die Lippen. Dann wagte ich ein zaghaftes "wir wollten nur etwas über unsere Zukunft erfahren."
Er schaute aus einer anderen Welt wie ins Leere, trotzdem hatte er jeden einzelnen von uns genau im Visier, es schien, als sehe er in alle Richtungen gleichzeitig. "Ein Witch-Board ist kein Spielzeug, und keines für Angsthasen. Ihr solltest wissen, worauf ihr euch einlasst. Der Stein, dem ihr eure Macht gabt, hat gewählt, und nun bin ich hier. Ihr wollt in die Zukunft schauen; nun, dies könnt ihr. Mit diesen goldenen Haaren, von denen ein jeder von euch eines bekommt, könnt ihr in die Zukunft schauen. Verbrennt es noch heute Nacht in einem reinen Tongefäß und sprecht dann euren Wunsch laut und klar in die Welt. Jeder Wunsch wird euch erfüllt werden, und wenn ihr eure Zukunft sehen wollt, so wird sie euch in der kommenden Nacht in einem Traum erscheinen. Und so wie sie euch erschienen ist, so wird sie kommen, unabänderlich.
Wenn ihr die goldenen Haare jedoch nicht benutzen wollt, müsst ihr sie binnen 7 Tagen weggeben, und zwar alle drei zusammen! Ihr dürft sie nicht behalten, ihr müsst sie benutzen oder weitergeben, sonst gehören mir nach eurem Tod eure Seelen. Und wenn ihr sie weitergebt, muss der neue Besitzer in voller Kenntnis sein."

Noch während er die letzten Silben sprach, löste er sich wieder in Luft auf und verschwand genauso plötzlich, wie er gekommen war. Es war stockdunkel im Zimmer, nur ein Nachschein blieb vor unseren Augen. Endlich traute sich jemand das Licht anzuknipsen; auf dem Tisch lagen die drei goldenen Haare in merkwürdigem Glanze. Wir Drei hatten die Hosen gestrichen voll, keiner hatte mehr den Mut herauszufinden, ob sein Wunsch in Erfüllung gehen würde. Ein Pakt mit dem Teufel, diesem stinkenden Gesellen, war uns, geschmeichelt ausgedrückt, doch zu abenteuerlich. Also beschlossen wir sofort und ohne jegliche Versuchung, die drei goldenen Haare so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Aber wie am besten? Wie am schnellsten? Wir rätselten lange, bis uns die passende Idee kam - eBay! Jedoch als was, oder für was soll man drei goldene Haare verkaufen? Wir hatten schließlich die Idee, als Artikelbeschreibung einfach diese ganze verrückte Geschichte zu nehmen, und so taten wir es auch. Wir fotografierten die 3 goldenen Haare des Teufels und bereiteten am kommenden Tag die Auktion vor. Die Auktion hatten wir für 5 Tage festgesetzt, und würden noch am selben Tag, auch ohne Zahlungseingang, sofort die Ware versenden, um die Frist von 7 Tagen auf jeden Fall einzuhalten.

Es kamen tatsächlich einige Gebote von neugierigen Bietern, die vermutlich einfach Gefallen an unserer Geschichte hatten, welche in der Artikelbeschreibung zu lesen war. Jedoch bei 6,66 € war seltsamerweise Schluss mit den Geboten. Wir kannten diese biblische Zahl, die Zahl des Tieres, des Antichristen. War dies ein Zeichen, eine Warnung? Wir hatten uns am Tag des Endes des Auktion zusammen gefunden, um uns in einer kleinen Party gemeinsam darüber zu freuen, von dieser verrückten Sache Abschied nehmen zu können. In den letzten Minuten wurde die Spannung unerträglich, wir schwitzten und folgten gebannt dem Sekundenzeiger auf dem Bildschirm; dann waren es nur noch wenige Sekunden - drei, zwei, eins - meins! Wir hatten es geschafft!

Nach Beendigung der Auktion erhielten wir von eBay noch am selben Abend die Kontakt- und Adressdaten des Auktions-Gewinners und packten die drei goldenen Haare in eine Streichholzschachtel, in welcher sie am nächsten Tag per Einschreiben den Weg zum Empfänger antraten. Tagelang warteten wir auf eine Bewertung, wir hatten unsere bereits abgegeben; es war die 666. Bewertung, die der Kunde erhielt. Eine Woche später sollten wir jedoch feststellten, dass das eBay-Konto des Ersteigers aufgelöst worden war, es war einfach nicht mehr da! Die ganze Angelegenheit schien sich wie durch einen Spuk in Nichts aufgelöst zu haben. Wir versuchten gar nicht erst herauszufinden, was geschehen war. Froh über diesen glimpflichen und spurlosen Ausgang machten wir fortan um jedes Spielbrett einen weiten Bogen ...