Wertewandel in der Gesellschaft


Seit uns nach dem PISA-Debakel 2001 bewusster geworden ist, dass es in der Bildung und Erziehung unserer Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen Schwachpunkte mit weitreichenden Konsequenzen gibt, welche sich in vielen Jahren der Gedankenlosigkeit entwickelt haben, wurde wieder viel darüber diskutiert, wo was wie verbessert werden muss, wobei es allerdings eher um den Wirtschaftsstandpunkt Deutschland als um die Fürsorge unserer jungen Mitmenschen geht. Es wird geplant, konzeptioniert, nach den Ursachen beim anderen gesucht, und die Politiker haben wieder Anlass, auf von Steuergeldern bezahlten Kongressen und Abstimmungen zu debattieren und es besser zu wissen - ohne echte, zusammenführende Ergebnisse.

Bevor wir hier zu anderen Dingen kommen, müssen wir uns zunächst die Frage nach der Verantwortlichkeit stellen. Wo, bei wem, fängt die Verantwortung für unsere Heranwachsenden an? Liegen tut sie bei uns allen, die wir etwas mit ihnen zu tun haben, aber anfangen tut sie doch in erster Linie bei der eigenen Familie, bei den Eltern. Was ist das für eine Liebe gegenüber unseren Kindern, wenn wir in unserem Rechtfertigungsbemühen die Verantwortung für Missstände lieber an andere abgeben? Aus der Familie kommen die ersten Impulse und  die ersten Bausteine für ein gesundes soziales Fundament des menschlichen Umgangs, welches dann in die Gesellschaft getragen und dort weiter ausgebaut werden kann. Und dort, in der Familie, werden auch die Dinge der Umwelt neutralisiert und kompensiert werden können, welche die wahren Werte in Zweifel ziehen wollen, unsere Entwicklung beeinträchtigen können.

Dazu bedarf es eines gesunden sozialen Umfeldes zuallererst in der Familie, und entsprechende sozialpolitische Rahmenbedingungen. Bei den Eltern finden die Kinder den letzten Rückhalt, und die höchste Autorität für alle Lebensfragen. Dort empfangen sie, vertrauend zu ihnen aufschauend, Grundrichtiges und -wichtiges, das ihnen Kraft und Sicherheit gibt. Danach erst kommt alles andere. Dabei geht es allerdings weniger um Erziehung im starren Sinn, als um kompetentes Vorleben sozialer Werte. Denn Erziehung als Methode funktioniert nicht. Wenn sie funktionieren würde, hätten wir ein autoritäres Erziehungssystem der Gleichmacherei zur Dressur von unterwürfigen Marionetten. In diktatorischen Regimes funktioniert(e) methodische Erziehung nur durch Zwang und Drill.
Es gibt etliche Pädagogik-Ratgeber auf dem Markt, die alle eines gemeinsam haben - sie widersprechen sich. Und also funktionieren sie nicht, oder es gibt unterschiedliche funktionierende Systeme, von denen keines vollständig sein kann, was weitere Unsicherheiten mit sich bringt. Es stellt sich deshalb die Frage nach der möglichen Existenz übergeordneter, allgemeingültiger und anwendbarer Prinzipien und Werte von Beständigkeit, in welchen alle möglichen und speziellen Konzepte Platz finden.

Jeder Mensch ist individuell, interpretiert und integriert die Vorgänge einer gleichen Situation deshalb immer als andere, eigene Erfahrung. Jedes Gehirn entwickelt sich aus der Persönlichkeit seines Besitzers völlig anders. Deshalb gibt es verschiedene Talente, Charaktere, Vorzüge, Meinungen, Erfahrungen etc.
Was aber sind nun die wahren Werte, jene von Bestand, die allen als Richtschnur dienen können?
Wir hören und lesen beinahe täglich vom notwendig gewordenen Wertewandel unserer Gesellschaft, der neue Entwicklungen ermöglichen soll. Wenn wir aber tatsächlich einen Wertewandel brauchen, bedeutet dies entweder, dass sich Werte in der gesellschaftlichen Entwicklung immer wieder mal verändern (bzw. angepasst werden müssen), oder aber, dass wir bislang nach den falschen Werten gelebt haben. Wobei letzteres ziemlich naheliegend ist, bei Heranziehung der globalen essentiellen Probleme, mit denen sich die Menschheit heute konfrontiert sieht.

Wahre Werte ändern sich nicht. Denn wenn sie sich ändern würden, wären sie nicht wahr, und lebten wir ständig in der Unsicherheit eines fehlenden verlässlichen und verbindlichen ethischen Verhaltenscodexes. Diesen gibt es aber, muss es geben, und er lautet zusammengefasst »füge niemandem Leid zu« und darüber hinaus »mache dich für andere nützlich«, und dies nicht, weil ich dafür Geld bekomme. Die meisten Probleme gäbe es nicht, wenn wir danach leben würden. Das ist der Codex der Liebe mit ihren vielfarbigen Nuancen. Jedes zwischenmenschliche Problem ist auf einen Mangel an Liebe und Vertrauen zurückzuführen, und löst sich in dem Moment des Ausgleichs des Mangels von alleine. Die Liebe als Gemeinsinn, und nicht als Altruismus, ist der eine unübertroffene Wert von bleibender Gültigkeit und Dauer, der alle anderen weit überragt. Das Gegenteil von Liebe ist Angst. Angst, nicht genug zu haben oder zu bekommen. Diese Angst nimmt uns die Sicherheit, die wir brauchen, um aus der Stärke von Ellenbogen und Raketen eine Stärke des Mit- und Füreinander werden zu lassen.

Wir leben mit Unsicherheiten wie Arbeitslosigkeit, Geldmangel, Kriege, hervorgerufen durch Menschen, die die Liebe, die sie vermutlich nie empfangen haben, also auch nicht weitergeben können - oder sie machten irgendwann einen »Wertewandel« durch ... Doch Kinder waren sie auch einmal, und so bekamen sie wohl ebenfalls das wirklich wichtige Rüstzeug nicht mit auf ihren Lebensweg.
Dieser Mangel an Sicherheit resultiert letztlich auf einem Mangel an Verantwortung; Verantwortung für unseren Nächsten. In beispielloser Verantwortungslosigkeit bekommen Kinder und Jugendliche von den Medien pausenlos in den Kopf gehämmert, was für sie Wert zu haben hat.  – Kaufen und Verkaufen, niveaulose Unterhaltung mit zugeschnittener Werbeeinblendung, Kaufen und Verkaufen, Passivität vor dem Computer, Kaufen und Verkaufen, Abwesenheit erzieherischer Elemente der Aufklärung in Medien, Kaufen und Verkaufen,  Infantilisierung zwecks Eindämmung des Denkvermögens und Verschleierung der zunehmenden dekadenten kapitalistischen Zustände, Kaufen und Verkaufen, Sex, Geld, Coolness, Kaufen und Verkaufen, Vernichtung unserer kulturellen und heimatbewussten Identität, Kaufen und Verkaufen, penetrantes Eintrichtern von Mangelzuständen und -gefühlen, damit »Lösungen« angeboten werden können (abhängig machen), Kaufen und Verkaufen, die Illusion vermitteln, die Wertigkeit eines Menschen bemesse sich nur an äußeren Werten (Besitz, Kleidung, Karriere...), Kaufen und Verkaufen …
Andere Werte werden uns fast täglich in den Schlagzeilen vorgelebt. Politik ist ein schmutziges Geschäft, aber Geld stinkt nicht. Solange die Wirtschaft regiert, so regiert und funktioniert, wird sich auch kaum was daran ändern. Ändern darf sich alles was nichts kostet, oder besser Gewinn bringt.

Was erzählen Eltern ihren Kindern, um kein Gefühl von Trennung und Ungerechtigkeiten zu vermitteln und ohne lügen zu müssen? Da kommt womöglich schnell Resignation oder Zynismus mit ins Spiel..., oder der Wolf unter Wölfen.
Das erste, was an Veränderung nötig ist, ist der Weg vom Ich zum Wir, »mitdenken, Freude schenken«. Wir können darauf warten, dass irgendjemand anderes den ersten Schritt macht, wir können allerdings auch selber etwas tun. Ohne dafür etwas zurückzufordern. Das heißt, wie schon angeführt, ein Vorleben von konkreten Werten wie Pünktlichkeit (mag banal klingen, sagt aber etwas über die Wertschätzung des anderen und der beigemessenen Wichtigkeit des Treffens aus), Ehrlichkeit, Ethik, Zuverlässigkeit, Geborgenheit, Vertrauen, Aufrichtigkeit, Verzeihen, Miteinander, Teilnahme, Hilfsbereitschaft u.v.m., alles Grundwerte, die sich nie ändern werden und auch gar nicht können, wenn wir kultivierte Menschen bleiben oder wieder werden wollen. Der wahre Wert dieser Werte erweist sich erst im praktischen und alltäglichen Leben, nicht im Theoretisieren. Wir müssen wieder Gemeinschaftssinn entwickeln, weg von arroganter, distanzierter Ich-Sucht (Arroganz ist immer Unsicherheit), die sich viele Jahrzehntelang anerziehen lassen haben unter dem Deckmantel von Selbstverwirklichung, konsumiertem Wohlstand (wahrer Wohlstand ergibt sich aus förderlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen) und Karrieregeilheit, was letztlich dazu führte, dass wir teilweise bis in die Intimsphären hinein alles nur noch in Geld umrechnen.

Der ganze Komplex der Kinder- und Jugenderziehung und -arbeit wird jetzt schon wieder dermaßen spezialisiert und dadurch unüberschaubar, dass wir letzten Endes wieder nichts Ganzes zur Verfügung haben. Damit ist hier der Normalfall angesprochen, nicht aber spezielle Fälle, die spezieller Behandlung bedürfen. Die Erziehung muss ganzheitlich sein, und das ist sie, wenn sie sich wesentlich an den elementaren Grundwerten orientiert. Dann haben Kinder und Jugendliche keinen Grund mehr zur Gewalt, die nur ein Ausbruch ihrer Ängste ist. Dann werden unsere »schul-distanzierten Jugendlichen« wieder gerne in die Schule gehen, zu ihren Freunden und zu neuen Abenteuern. Dann haben sie wieder eine Orientierung. Eine freudige Orientierung an lebensbejahenden und zukunftssicheren Grundwerten. Aus diesen Jugendlichen entwickeln sich dann wieder Politiker, die uns Anständigkeit vorleben und uns zeigen, dass Anständigkeit und Genügsamkeit Tugenden sind. Wir brauchen wieder Ehrgefühl ohne falschen Stolz.

Jeder wohlmeinende Versuch einer maßgeschneiderten Familienerziehung hat natürlich ihre Grenzen. Wenn, z.B., ein Paar sich scheiden lässt, und der Junge oder das Mädchen gehen in ihrer Entwicklung fehl, weil unbewusst dieses Trauma (der nicht zu ersetzende Verlust einer Bezugsperson) in ihnen und an ihrem Potential nagt, dann wird das heutzutage möglicherweise erkannt und im günstigsten Fall geheilt werden. Im anderen Fall müssen wir jedoch davon ausgehen, dass diese Dinge und Entwicklungen anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, welche uns derzeitig unbekannt sind. Welche gleichen Chancen haben diese Kinder? Wie können solche Zustände beseitigt oder kompensiert werden?

Vor einigen Wochen erzählte mir eine Bekannte, dass ihre 7-jährige Tochter an einer Schulweihnachtsfeier teilnahm. Sie, wie ich auch, konnte es kaum fassen, als bekannt wurde, dass die Lehrer der Schule des Kindes die Feier in einer Club-Kegelbahn arrangiert hatten. Meines Wissens nach freuen sich Kinder immer noch über einen glitzernden, bunten Weihnachtsbaum mit Kerzen, kleinen netten und liebevoll zurecht gemachten Überraschungen zum Auspacken, Selbstgebasteltes verschenken, gemeinsames Singen und vielleicht sogar über einen »echten« Weihnachtsmann. Wie war das noch mit der Liebe und der Verantwortung? Was nützen uns alle Fachkongresse über Erziehungsarbeit, alles lamentieren, solange wir solche elementaren Dinge für unsere Kinder, wie ihnen gemeinschaftliche Freude zu bereiten, nicht mehr geregelt bekommen?

Auszugsweise aus einer Korrespondenz: »Ich habe immer gesagt, die Kinder kommen um uns zu retten. Kinder, die in ihrer Umgebung keinen emotionalen Rückhalt finden, haben natürlich einen Nachteil, und den auf ganzer Linie. Die Art wie die Kinder darauf reagieren, finde ich durchaus legitim. Das ist Notwehr.«

»Vielleicht geht es auch ein bisschen um Werte erkennen, statt sie zu wandeln. Also der Wert, den es hat z.B., wenn ein Mensch wirklich ehrlich zu Dir ist, so wie Kinder... Wenn ein Mensch seine Gefühle für Dich zeigt und sich um sonst nichts schert, wie Kinder... Oder wenn ein Mensch Dir ein Geschenk macht im Wert seines Gesamtjahreseinkommens, so wie Kinder, oder wenn ein Mensch Dir wirklich alles verzeiht, so wie Kinder.«