Von der Religion zur Menschwerdung

 

Ist es nicht so, das es in jeder Religion Menschen gibt, die rechschaffen und ausgesprochene Menschenfreunde sind? Ist es nicht so, dass es in jeder Religion Menschen gibt, die als kriminell einzuordnen sind? Gibt es nicht in jeder Religion Wunder, aber auch Versagen, weil Gebete nicht erhört wurden? Findet man nicht in allen Religionen das gleiche Gute und Unvollkommene? Zeigen nicht alle Religionen auch auf die unterschiedlichen Entwicklungswege der Gottverwirklichung und der Gott- und Schicksalsergebenheit? Haben nicht alle Religionen Großartiges zur Entwicklung der Menschheit beigetragen? Wo finden wir den Unterschied zur wahren Religion? Und wo finden wir gar noch den Unterscheid zu den Gottlosen? Auch der Gottlose kann sich in seinem Unrecht aufrichten an Erkenntnis, Rechtschaffenheit und Menschenliebe! Wo also ist der Unterschied?! Jede Religion kann nachweisen, dass sie, auf welche Art auch immer, wirksam ist. Dies ist ganz sicher nicht lediglich auf selbstsuggestive Prozesse zurückzuführen sondern auf den Umstand, dass alle Religionen den selben Ursprung haben - die Kraft und Gewissheit Gottes.

Diese einfachen und grundlegenden Fragen sollen zeigen, wie abwegig es ist zu behaupten, die eigene Religion wäre die wahre und einzig richtige. Für den Einzelnen mag es bedeutungsvoll sein, aber wir müssen zugestehen, dass es völlig bedeutungslos ist, ob oder an welchen Gott wir glauben oder nicht. Die allermeisten Kriege sind Religionskriege oder zumindest religiös motiviert. Daraus können wir den Schluss ziehen, dass das Überwinden von Religion ein Überwinden von Kriegen und Feindseligkeiten hieße, im Großen wie in Kleinen. Insgesamt geht es um die Entwicklung von Rechtschaffenheit und Nächstenliebe in der Gesellschaft; für die Gesellschaft und für den Einzelnen.

Das Leben ist also keine Frage von Gottglaube sondern eine Frage von Möglichkeiten, in denen wir uns entwickeln können. Gott fragt nicht, ob du an ihn geglaubt, sondern wie du gelebt und dich entwickelt hast; einen Gott vorausgesetzt.

Ich würde sagen, wenn ein allmächtiger Gott, der reine Liebe ist, etwas erschafft, dann wäre das Resultat Vollkommenheit. Das wäre Schöpfung. Nicht unmittelbar Erschaffenes aber wäre immer einer Entwicklung unterworfen. Diesen Prozess sehen wir in der Menschwerdung. Wenn wir jedoch von einer Schöpfung ausgehen, der Gott freien Willen gegeben hat, und die somit in der Lage wäre, sich selber zu zerstören,, dann darf man sich fragen, ab welchen Zeitpunkt oder Entwicklungsstand Gott solchem selbstzerstörerischen Treiben Einhalt gebieten würde, um weiteres unermessliches Leid seiner Geschöpfe abzuwenden.

Alle Religionen zeigen Gewaltpotential. Nicht, weil Gott seine Gläubigen verteidigt, sondern weil Gläubige im Unglauben an die Allmacht ihres Gottes Krieg führen und sich somit über Gott stellen.

Hat Gott jemals in einer Religion sich zu erkennen gegeben dahingehend, dass seine Gläubigen in irgendwelcher Weise bevorzugt wurden gegen den ganzen Rest der Menschheit? Manche meinen, dies wären die Juden, allerdings gibt es diesbezüglich große Widersprüche, auf die an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden kann.

Wenn wir alle die Schöpfung Gottes sind, was maßen dann Gläubige sich an, seine Schöpfung zu zerstören, sich gar noch daran zu erfreuen?

Es gibt Bestrebungen, eine Einheitsreligion zu etablieren. Alle Konfessionen werden sich dagegen auflehnen wollen, weil sie befürchten, ihr Glaube würde dadurch verlorengehen oder beeinträchtigt werden. Wenn wir jedoch anfangen, uns alle als einheitliche Schöpfung Gottes zu sehen, werden wir spürbar mehr Frieden auf Erden haben. Kein Gläubiger kann wirklich nachweisen, dass er allein im Recht ist.

Alle Religionen vermitteln Werte, an denen wir uns ausrichten und aufrichten können. Daran wächst der Einzelne, wenn er es möchte, und beim Einzelnen fängt jede Veränderung, jede Entwicklung der Menschheit an. Der Mensch muss an sich selber zum Menschen werden.

 

Kann man Gott austauschen?

In allen Konfessionen finden Wechsel statt; Christen konvertieren zum Islam und umgekehrt, Juden wechseln zum Christentum und umgekehrt und so fort. Alle diese Gläubigen haben ihren Glauben (mit Überzeugung) gelebt, aber irgendetwas veranlasste sie, ihren Glauben aufzugeben. Was wurde aber tatsächlich aufgegeben? - Doch nur das Glaubenssystem! Denn der Urheber, der Schöpfer all dessen, was wir alltäglich weiter vor unseren Augen haben, ist doch derselbe geblieben! Zeigt sich nicht auch hieran, dass jedes Glaubenssystem eben nur ein für sich gesondertes System anbietet, eine Beziehung zum gleichen Gott haben zu können? Wenn wir plötzlich Befindlichkeiten mit unserer bisherigen Konfession haben und die Konfession wechseln, sich die Inhalte unseres Glaubens also ändern, dann ändert dies jedoch nichts an der Wahrheit Gottes und an den Wahrheiten des Lebens. Die Wahrheit des Einzelnen ist subjektiv.

Noch einmal; es gibt nicht ein einziges Glaubenssystem, welches nachweisen kann, dass deren Anhänger in irgendeiner Weise vom Leben bevorzugt wurden und werden. Diesen Nachweis können sie noch nicht einmal gegenüber gottlosen Gruppierungen erbringen.

Schauen wir uns einmal die Länder an, in denen die Gesellschaftsformen des Sozialismus und des Kommunismuss herrschte und teilweise immer noch herrscht. Die Menschen, die in diesen Systemen tatsächlich nicht glauben, sind in keiner Weise vom Leben benachteiligt und stehen letztlich vor den gleichen Lebensaufgaben, sich menschlich zu entwickeln, wie die Gläubigen aller Glaubensrichtungen. Das Himmelsreich erlangen wir nicht, weil wir glauben, sondern weil wir ohne Frevel lebten oder aber Einsicht darin erlangten, dass wir falsch handelten und dieses Handeln dann schließlich bereuten und änderten. Hinzulernen ist für jeden ein Erfordernis und möglich, um charakterlich wachsen zu können. Wohin die Reise danach geht, weiß niemand.

Mensch werden tun wir nicht durch Glauben allein, obwohl das ganz sicherlich dabei helfen kann, sondern durch mitmenschliches Tun, frei nach Goethe:

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!