GfK - Gewaltfreie Kommunikation

Gedanken zum Konzept

 

Das Konzept

 

gewaltfreie Kommunikation
Foto: Ralf Beck

Die sogenannte GfK ("Gewaltfreie Kommunikation" nach Marshall Rosenberg) ist ein Konzept, welches in manchen Aspekten durchaus eine hilfreiche Erweiterung des Themas Kommunikation im Allgemeinen bzw. Konfliktbewältigung im Speziellen sein kann.
Der Aspekt des Erspürens der wahren Bedürfnisse desjenigen, welcher, aus GfK-Sicht, falsch handelt (sogenannte "Wolfssätze" spricht), kann in Konfliktsituationen zumindest ein Teil-Werkzeug für Schlichtungs-Versuche sein. Konzepte im Allgemeinen sind von der Konstruktion her naturgemäß jedoch spezialisiert, wodurch ein Einsatz immer beschränkt, mitunter gar widernatürlich, ist. - Denn sie können alle Aspekte einer Sache nie vollständig erfassen, somit nie ganzheitlich wirken.
GfK beschränkt sich in seinem Konzept auf die (Um-) Formulierung von Sätzen, die den Gegenüberstehenden nicht mit Vorwürfen, Beleidigungen, Unterstellungen etc. konfrontieren sollen, um so eine harmonische Klärung der Situation zu ermöglichen. Bei dieser Vorgehensweise werden jedoch essentielle Aspekte der Kommunikation völlig außer Acht gelassen. Denn Kommunikation besteht bei weitem nicht nur aus wohlüberlegten Formulierungen; selbst in diesen liegen noch Tücken, wie wir gleich sehen werden. Schon deshalb kann eine Konflikt-Lösung sich nicht lediglich auf variable Wortwahl beschränken.

Kommunikation ist dermaßen komplex, dass bis heute etliche Fach- u. Berufsbereiche entstanden sind. Unter einem allgemeinverständlichen Dach bekommt man dieses Thema nur wieder, in dem man zur Natürlichkeit, Ganzheitlichkeit zurückkehrt.

 

Der Ton macht die Musik

"Bring den Müll raus!" - Wie wirkt dieser Satz auf Sie? GfK-gemäß ist dies ein "Wolfssatz", der Spannungen schürt, Unfreundlichkeit suggerieren soll, Harmonisierung verhindert. Liebe Leserin, lieber Leser, machen Sie nun bitte einmal folgenden Versuch: stellen Sie sich einmal gedanklich vor, wie Sie ihrem Liebsten auf charmanteste Art und Weise in genau dem gleichen Wortlaut bitten, den Müll hinauszubringen, eventuell auch mit Einsatz eines bestimmten Gesichtsausdruckes (z.B. Lächeln), einer bestimmten Geste oder gar einer körperlichen Berührung. Es ist möglich, diesen klassischen "Wolfssatz" vollkommen zu entschärfen, durch Mittel, die in der GfK völlig außer Acht gelassen und so auch nicht kommuniziert und praktiziert werden.
Andererseits kann man einen typischen "Giraffensatz" (z.B. "Wärst du so lieb, mir das Handtuch zu reichen") lediglich durch die Änderung des Tonfalles zu einer unfreundlichen Aufforderung werden lassen. Noch subtiler wird es, wenn im haargenau gleichen Satz nur einzelne Wörter oder Silben in der Betonung prägnant geändert werden, und somit eine völlig andere Intention und Emotion sichtbar wird.

Von einer anderen (GfK-) Seite aus betrachtet, birgt es zudem Potential für Unaufrichtigkeiten und Manipulationen, weil wir einen Satz lediglich umstellen, um eine Wirkung zu erzielen, oder Dominanz durchsetzen wollen, was erkennbar wäre, wenn wir Mimik und Gestik mit einbeziehen würden. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass KfK dahingehend missbraucht werden kann, dass man diese Methode dazu benutzt, um sich auf unzulässige Weise durchsetzen zu wollen, d.h., man fängt an auf Basis der GfK zu begründen, warum man im recht ist, oder betreibt ähnliche Manipulationen, um z.B. das "Appell-Ohr" des anderen zu aktivieren.

 

Mimik und Gestik

Gerade beim Telefonieren spielt die Stimme als Ausdruck von Emotion und Stimmung, eine große Rolle, weil durch das Fehlen der Wahrnehmung von Mimik und Gestik die mentale Stimmung des Gegenübers direkt spürbar wird; anders als in der direkten, sichtbaren, Kommunikation. Die fehlende Einbeziehung von Mimik und Gestik lassen daher den an sich guten Ansatz von GfK zur reinen Theorie werden. - Es gibt keine Kommunikation ohne Körpersprache. Auch ein "ausdrucksloses" Gesicht drückt etwas aus.

Gemeint ist hier nicht das Schauspielern, sondern die ehrliche Begegnung und Auseinandersetzung, das Gewahrwerden der eigenen Wirkung auf den anderen, z.B. das Zulassen eines auftauenden Lächelns, damit Körpersprache und Wortsprache übereinstimmen, und somit Bereitschaft sowie Miteinander signalisieren. Und wie heilend, mehr als bedachte Worte, kann hier eine (wortlose) Umarmung sein!

 

Aggressivität

Eine weitere Frage bleibt unbeantwortet. Zum Beispiel die nach dem Umgang mit Aggressivität, die gewollt und gezielt zum Ausdruck kommen soll. Es wird Situationen geben, in denen uns GfK nichts nützen wird. Hier fehlt die ganzheitliche Einsicht, dass jeder Mensch nicht nur die Verantwortung und Ursache für seine Gefühle bei sich selber trägt, sondern dass man durch vorherrschende innere Stimmungen in Situationen geraten kann, die eine starke Affinität eben zu dieser Stimmung haben. Dann wundern und fragen wir uns, wie das passieren konnte, warum ausgerechnet mir, welch unglücklicher Zufall… Wir leben in einer Welt von Bedingungen und Beziehungen, Kausalitäten, Gesetzmäßigkeiten, und deshalb kann es keine Zufälle geben, auch wenn wir die dahinterliegenden Gesetzmäßigkeiten nicht immer erkennen mögen.
In dieser Einsicht allein liegt schon enormes Potential, Gewaltfreiheit zu verhindern.

 

Der Kurs

Der Besuch eines Kurses mag durchaus geeignet sein für jemanden, der aktuelle Probleme, Situationen zu bewältigen hat und verändern möchte. Für diejenigen, die ohnehin in Lösungen denken, die aus ihrem inneren Harmoniebedürfnis heraus immer eine Befriedung anstreben und gelernt haben, dies auch umzusetzen, ist es mitunter unangenehm und anstrengend, in den fortlaufenden Übungen immer wieder „Wolfsätze“ zu sprechen und Problemsituationen konstruieren zu müssen, damit diese anschließend besprochen und bearbeitet werden können.

Hier zeigt sich auch die Problematik; "Wolfssätze", die im Training transformiert werden sollen, ohne jeglichen Bezug zu einer aktuellen Situation - wer konstruiert schon gerne Probleme? (Wobei jeder Kursleiter anders arbeiten mag.)
Es zeigt sich weiterhin, das GfK eher ein Mittel für die spätere Analyse ist, als ein Mittel zur Kommunikationsverbesserung in der unmittelbaren Konfliktsituation. Der Mensch ist eben ein emotionales Wesen, und wird in emotionalen Zuständen, auch bei Kenntnis über GfK, zunächst naturgemäß sein Recht und die Notwendigkeit wahrnehmen, seine Emotion freizulassen, z.B. sich zu ärgern. Ärger muss raus! Jeder Arzt, Psychologe, weiß dies. Anschließend zu klären, zu verzeihen, zu lernen, nachzugeben, sind wunderbare Erfahrungen. In diesen Erfahrungen wird man auch die richtigen Worte und Formulierungen finden.
Achtsamkeit und Wahrnehmung sind universelle Mittel und Zustände, die stets gelernt und erweitert werden müssen. Dafür gibt es viele Wege, Yoga, Meditation, Atmen, Analyse, und vor allem Ehrlichkeit zu sich selbst.

 

Fazit

GfK soll mir das Mittel an die Hand geben, achtsam mit Formulierungen umzugehen, andererseits auf "Wolfssätze" meines Gegenübers "giraffisch" reagieren zu können.
In gegebenen Situationen mag dies Sinn machen. Da wir jedoch, mehr oder weniger je nach familiärer und beruflicher Situation, den ganzen Tag über kommunizieren, stellt sich die Frage, in wie weit wir mit dieser Methode noch spontan und ehrlich bleiben, kommunizieren können, ohne jedes Wort auf die Waagschale werfen zu müssen. Fehler werden wir immer machen, Selbsterkenntnis wird uns ein Leben lang begleiten. von daher ist die größte (und schönste) Herausforderung wohl das ständige Erkennen und Wachsen. Das Reifen gerade in Konfliktsituationen, das Verzeihen, das Entschuldigen können, das Eingestehen eigener Fehler.

Jeder hat das Recht, Fehler zu machen und aus diesen zu lernen. Fehler sind ein notwendiger Bestandteil des Lernens und des Lebens überhaupt. Erst danach erfolgt Wachstum und Entwicklung. Fehler machen wir alle, es macht nur den Unterschied, wie wir damit umgehen.

Wer im sozialen Umfeld ernsthaften Konflikten ausgesetzt ist, kann schnell krank werden. In solchen Fällen wäre es ratsamer, niedergelassene Ärzte mit psychologischer Ausbildung aufzusuchen. Denn GfK-Kurse sind teuer, und die therapeutischen Möglichkeiten (z.B. in Bezug auf gelegentliches "Handanlegen") sind durch die Gesetzgebung stark eingeschränkt, um fachgebietsübergreifende Anmaßungen und Verantwortungslosigkeiten vorzubeugen. Im Rahmen beruflicher Weiterbildung (oder auch für Hartz-IV-Empfänger, die sich selbständig machen möchten) hat man allerdings finanzielle Fördermöglichkeiten. Papier- u. Organisationskram, der ohnehin lästig für einen bereits psychisch Angeschlagenen ist.

Viele meinen, anderen helfen zu müssen und dies zu können; das "Helfersyndrom" findet man jedoch häufig gerade bei solchen Menschen, die in eigenen Situationen selber hilflos sind. Also besser zu einem Arzt des Vertrauens. Oder jemanden (Neutralen) aus dem engeren Freundes-, Bekannten-, Kollegen- o. Familienkreis finden, mit dem man reden kann. Das hilft oft schon ein entscheidendes Stück weiter.
Studierte Psychologen, die in ihrer therapeutischen Arbeit GfK-Elemente mit einbeziehen, haben durchaus eine zusätzliche Variable zur Verfügung, Konflikte aufzuarbeiten. Diese werden nicht daran scheitern, wie sich in anderen Konstellationen leider zeigte, GfK nicht anwenden zu wollen, weil sie die Festlegung treffen, es würde beim anderen sowieso nicht funktionieren, und dieser wäre daran auch noch selber Schuld.


Ralf Beck

07.12.2011