Essay - Die Entspenstigung des Todes

 

Der Tod ist ein Gespenst. Obwohl es täglich wiederkehrt wie die Morgensonne. Obwohl er das tägliche, entgültige Gehen von Vielem und Vielen ist, nehmen wir ihn kaum in unserem Bewusstsein auf. Die Entspenstigung des Todes ist seine Annahme als Aufforderung zu einem zielgerichteten, verantwortungsvollen und glücklichen Leben.

Der Tod kommt für alle, früher oder später, zu einem Zeitpunkt, ab welchem wir uns mit dieser allgegenwärtigen Erscheinung auseinanderzusetzen haben. Nämlich, wenn er um die Ecke zu schauen scheint ..., durch andere ...

Für die meisten Menschen ist der Tod etwas Tragisches, Zerstörerisches, Unbegreifliches, Unwirkliches, das irgendwie nicht zum Leben gehört. Dieses Schreckgespenst, als was er erscheint, muss er nicht für uns sein, wenn wir verstehen, dass alles Leben auf dieser Erde einmal endet, und wir daraus lernen, eben deshalb das Beste aus unserem Leben zu machen und das Beste zu hinterlassen, zu dem wir fähig waren, in Freude und Schaffenskraft.

Um dieses zu können, fehlt manchen Menschen die Motivation, die sie hätten, wenn ihnen deutlichst die Begrenztheit ihres Erdenverweilens aufgezeigt würde. Wer möchte denn schon umsonst gelebt haben? Wäre es deshalb sinnvoll, das Thema Fortgehen schon im frühen Alter zu vermitteln? Die Ängste davor zu nehmen und die Motivation zu erhöhen, mit Kraft und Eifer sein Lebensglück aufzubauen?

Das Leben auf der Erde ist eine Schule, und da die Zeit auf ihr doch sehr überschaubar ist, sollten wir uns rechtzeitig bemühen, einen guten Abschluss zu machen, so dass wir zurück blicken können. Wer weiß denn, wofür wir unsere gesammelten Erfahrungen und Fertigkeiten später gebrauchen können, wenn uns neue Aufgaben bevorstehen? Dass sie uns bevorstehen, daran kann es keinen Zweifel geben. Gründlichst dürfen wir uns überlegen, wofür wir unsere unwiederbringliche Lebenszeit vergeuden möchten.

Was den Tod in Wirklichkeit so tragisch erscheinen lässt, ist sein unverhofftes und plötzliches Kommen. Man hatte keine Zeit mehr, Ordnung zu machen, Nachrichten zu hinterlassen, Dinge zu klären, sich zu verabschieden. Gerade auch deshalb sollten wir uns rechtzeitig um diese Angelegenheiten kümmern. Der Tod ist für jeden unausweichlich, für junge Menschen Lichtjahre fern, jedoch können wir ihm den Schrecken nehmen in bewusster Auseinandersetzung und Anerkennung. Bis er kommt, haben wir noch viele, viele Möglichkeiten, Lebensglück zu erfahren, unsere Aufgaben zu erfüllen, Dinge gut werden zu lassen und alles zu geben, zu schenken, was wir geben und schenken können.

Wir werden uns nun nicht sogleich hinsetzen müssen um unser Testament zu schreiben. Aber wir ändern unsere Einstellung zum Thema, machen das Gehen uns und anderen leichter. Wir wissen dann, dass der andere nicht für alle Ewigkeit gegangen ist, sondern mit uns in Verbindung bleibt. Dies spüren manche durchaus noch auf Erden, und wir werden es noch viel gewahrer, wenn auch wir eines Tages gegangen sind. Wir sind nie allein. Wir werden immer verbunden bleiben mit unseren Lieben. Trauern ist ein vorläufiger Abschied von Gemeinsamkeit. Dieser Abschied kann nicht für immer sein, weil dies das Ende des Lebens bedeuten würde. Das Leben aber ist ewig und gebiert aus sich selbst immer wieder neues Leben.

Der Tod ist kein Sterben, sondern ein Gehen. Woanders hin. Waren wir hier glücklich und erfolgreich, können wir es auch woanders sein.