Der Sündenfall


Viele Versuche gibt es, dieses ganze Geschehen des Sündenfalls aus der Bibel zu erklären. Und so viel versucht wird, so oft bleibt es unvollständig, weil etwas Wesentliches und Entscheidendes übersehen wird.

Viele Autoren erzählen in diesem Zusammenhang vom »Baum der Erkenntnis«, der uns - mit Unterstützung der Gottmutter (Gnostiker) - zu höherer Entwicklung bringen soll; dies ist aber unvollständig, und muss deshalb zu Fehlinterpretationen führen. Denn es heißt in der Bibel »Baum der Erkenntnis von Gut und Böse« und nicht »Baum der Erkenntnis.« Liegt darin doch schon ein gravierender Unterschied, weil nicht alles Erkennen sich auf Gut und Böse bezieht.

Gerade in der Erkenntnis von Gut und Böse liegt ja die Dramatik des Geschehens, liegt ja der Fall des Menschen verwurzelt. Und es geht in dieser Situation eindeutig um den Fall, nicht aber um geistiges Wachstum.
Wobei mögliches und notwendiges Wachstum nicht ausgeschlossen werden soll. Die Charakteristik des Geschehens in der Bibelbeschreibung als tatsächlichen Fall des Menschen ist aber, trotz möglicher und wahrscheinlicher Übersetzungsfehler in der Bibel, unverkennbar.

Ist es nicht eines der größten Übel der Menschheit, dass sie stets (ver-) urteilt und wertet, und auf diese Weise Schuld auf andere projiziert, anstatt die Dinge einfach nur wahrzunehmen wie sie sind - wertungsfrei? Damit hat sie doch erst angefangen (und das war die »Ur-Sünde«) das Gute und Schlechte zu erschaffen, durch Trennung des Vollkommenen und Einheitlichen in zwei Seiten; in Gutes und Schlechtes, Richtiges und Falsches. Und somit trennte sie sich selbst vom Göttlichen. Die Einheit, das ALLES, wurde somit (in unserem Bewusstsein) gespalten. Durch diese Trennung trennten wir uns selber vom Ursprünglichen, Vollkommenen.

Wir projizieren ständig außerhalb von uns, und meinen zu wissen, was der andere falsch oder richtig macht, was für den anderen gut oder schlecht ist. Das fatale daran ist, dass wir das dann in Handlung umsetzen, den anderen in die Richtung bringen wollen, die wir für gut und richtig halten. Deshalb glauben viele, sich immerzu wehren zu müssen. Durch dieses »System« sind wir alle zu Schuldigen geworden.
Dabei weiß niemand, was gut und böse ist (es sei denn, es bezieht sich auf Handlungen die einem selbst oder anderen in unmoralischer Weise, d.h. gezielt und bewusst, Schaden zufügen sollen), und niemand kann wissen, was für den anderen das Beste ist.

Wie oft erleben wir, dass sich das vermeintlich »Gute« ins Gegenteil verkehrt, und umgekehrt das zuvor abgelehnte »Schlechte« sich dann als vorteilhaft erweist.
Wir können uns nur selber verbessern. Nur dann kann wieder ein heiles Ganzes daraus werden. Aber nicht, in dem jeder versucht den anderen zu verbessern - das ergibt Chaos, und das haben wir bereits in allen gesellschaftlichen, religiösen und politischen Richtungen.

Die Dinge einfach nur wahrnehmen wie sie sind, ohne jegliche Wertung – das bringt wieder Kraft, Klarheit und Frieden zurück. Aber das kann nicht gelingen, solange wir auf andere unsere - vermeintliche -  «Erkenntnis von Gut und Böse« anwenden, unsere eigenen Unzulänglichkeiten auf andere projizieren, oft genug als Rechtfertigungen, damit man selber gut dasteht, und somit die Überwindung von Gegensätzen und Zwiespalt verhindert.

Es gibt nur einen Geist, dem alles entspringt, und da wir nun mal verschiedene Sprachen haben, benennen wir Ihn auch anders. Aber niemand kann Ihn für sich alleine pachten.
Vor Ihm sind wir alle gleich, niemand wird bevorzugt. Wer will sich davon ausnehmen? Welches Volk ist »böse«, welches »gut«, »auserwählt«, oder nicht?

Gott - das Lebensprinzip -  ist in Allem und in Allen, Er ist in uns und wir sind eins mit Ihm, und darum sind wir alle Eins, und darum ist Gott nicht irgendetwas außerhalb von uns.
Wir können nirgendwo sein, wo Gott nicht ist, und es kann nichts geben, das außerhalb Gottes ist.  Alles ist Gott, und was wir anderen tun, tun wir deshalb letztlich auch immer uns selbst. Wir sitzen alle im selben Boot. Niemand von uns kann ohne den anderen sein. Wer aber das Gegenteil behauptet, muss sich darüber klar sein, dass man gleiches auch über ihn sagen kann!
Die Dinge sind, wie sie sind; es gibt kein Gut und Böse, aber es gibt viele Möglichkeiten für uns, etwas besser zu machen. Vor allem uns selber. Wie sagte Erich Kästner noch - »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es«! Und zwar ohne Vergleich und Wertung zu anderem. Wir kennen nicht die wahren Vorgänge hinter den Erscheinungen. Alles hat seine Berechtigung, seinen Grund, sein Entstehen. Wer kann von sich behaupten die Wahrheit zu kennen? Derjenige müsste zwangsläufig alle Zusammenhänge sowie Entwicklungen des gesamten Universums wissen! Aber wer (er-) kennt schon seine eigenen?

Gottes Garten Eden ist vollkommen. Durch unsere »Erkenntnis von Gut und Böse«, oder müsste man besser sagen »Zweifel am vollkommenen Ist-Zustand«, sind wir herausgefallen aus unserer Vollkommenheit. Und das ist das einzig unvollkommene - unser Denken, aus dem alles resultiert an Wertung, Spekulation, Irrtümern, Lügen. Das Erkennen von Gut und Böse war das Nichtmehrerkennen des vollkommenen Zustands des Seins.
Wenn es für uns nichts mehr »Böses« gibt, wird es für uns auch keinen Grund mehr geben, anderen Gewalt anzutun, um dieses, aus unserer Sicht, »Böse« korrigieren bzw. bestrafen zu müssen.
Wäre das das Paradies auf Erden?