Fremdes Blut

Als ich aufwachte, wähnte ich mich zuerst in meinem vertrauten Bett zu Hause. Ich musste mich sortieren und erinnerte mich bruchstückhaft eines wirren Traumes. Ich hatte zwei Köpfe, und jeder Kopf erlebte die gleiche Welt auf völlig verschiedene Weise. Und ich tat Dinge mit einer Selbstverständlichkeit, die meinen eigentlichen Gewohnheiten völlig widersprachen. Ich war überzeugte Veganerin und erlebte im Traum einen Heißhunger auf McDonalds, Lust auf diverse Alkoholika, Schokolade und ähnlich luxuriösen Dingen. In dem Moment, in welchem ich an irgendeiner Pommesbude der Stadt genüsslich in eine Bratwurst biss, erwachte ich angewidert und irritiert.

Langsam kamen die Erinnerungen zurück. Um mich herum blinkende Lichter, hastende Helfer, kurze klare Anweisungen, man transportierte mich auf einer Trage in den Notfallwagen. Ich drehte meinen Kopf, weil ich mehr sehen wollte, ein wenig nach rechts und sah noch in die starren Augen eines verendeten Rehs, das ich viel zu spät gesehen hatte und das, anscheinend geblendet von den Scheinwerfern meines Autos, in Orientierungslosigkeit stehen blieb – bis es einen dumpfen Schlag gab und es nach Angstrufen und heftigem Zucken mit im Auto saß. Danach drehte sich alles und ich merkte nur noch, wie wir uns überschlugen, bis es dunkel und leicht wurde.

Die Scherben meiner Frontscheibe hatten sich an mehreren Stellen ins Fleisch gegraben und schlimme Blutungen verursacht. Hätten Beobachter nicht sofort den Notdienst alarmiert, wäre ich mit Sicherheit verblutet. Ich hatte mich auf den Weg zu meiner besten Freundin aufgemacht, wir wollten zusammen kochen uns mal richtig ausquatschen über unsere manchmal blöden Kerle, und wir wollten mal wieder lecker vegan kochen. Dies besprachen wir während der Fahrt über meine Bluetooth-Sprechanlage. Und so sah ich, leicht abgelenkt, das Tier vor mir erst dann, als es zu spät war. Meine Freundin hörte meinen Entsetzensschrei und schließlich die furchtbaren Geräusche des Unfalls, bis es stille wurde.

Es musste Nacht sein, ich sah die leuchtenden Lämpchen der Apparaturen, welche mir die Bilder des Unfalls in Erinnerung riefen und bemerkte jetzt den leichten Schmerz an der Stelle, an der die Nadel für den Tropf steckte. Ich versuchte ruhig zu atmen, fühlte mich sicher in Gewahrsam und schlief wieder ein.

Als ich erneut erwachte, stand der Arzt mit einer Schwester an meiner Seite und lächelte, während er sprach.
»Guten Morgen, Frau Manelli! Mein Name ist Doktor Heidrich. Wie geht es Ihnen?«
»Ich glaube, ganz gut« hörte ich mich mit schläfriger Stimme.
»Sie haben Glück gehabt! Sie hatten zwar starke Blutungen, ansonsten aber keine großen Verletzungen. Außer dass Ihnen das Reh mit seinem Huf ziemlich einen verpasst hat. Das war wohl ein klassischer k.o.« Wir lächelten beide.
»Die Schnittwunden werden gut verheilen und in ein paar Tagen können sie wieder nach Hause. Ähm, wir mussten allerdings eine kleine Bluttransfusion durchführen, weil der Blutverlust doch sehr hoch war. Ansonsten ist Ihr Zustand sehr stabil.«
»Okay…«
»Schwester Lisa wird Ihnen gleich etwas zum Frühstücken bringen. Möchten Sie vielleicht etwas Spezielles?«
»Vielen Dank, erstmal nichts. Vielleicht später ‘ne Kleinigkeit zum Mittag.«
»Ist in Ordnung. Klingeln Sie einfach, wenn sie etwas brauchen.«
»Vielen Dank!«

Beide verließen das Zimmer, währen Herr Dr. noch ein paar Anweisungen an die Schwester erteilte. Mit der rechten freien Hand tastete ich nun nach meinem Kopf. Aua! Jetzt erst bemerkte ich den Verband und wie auf Bestellung spürte ich nun auch leichte Kopfschmerzen. An der rechten oberen Stelle hatte ich wohl ordentlich eins abbekommen. Der Kopf war jedoch nach beiden Seiten gut beweglich. Dann tastete ich vom Hals an hinab bis unter die Decke weiter und bald kannte ich alle Wundpflaster und Verbände. Es tat mir gut, unter dem Pyjama meine warme und zartfühlende Hand auf der nackten Haut zu spüren.

In der Frühe zu Frühstücken war ganz und gar nicht meine Sa-che, aber mal schauen, was zum Mittagessen auf dem Speiseplan stand, auch wenn ich gerade überhaupt keinen Appetit hatte! Ich freute mich schon darauf, wieder daheim zu sein und kochen zu können. Ich liebte es, möglichst rohe Kost, verfeinert mit Gewürzen und Ölen, manchmal einfach nur eine Handvoll frisches Obst. Das Kochen war dann meistens nur etwas Reisbeilage oder schonend gegartes Gemüse. Ich liebte es einfach. In allem.

Ich träumte von meinem sonnenüberstrahlten blühenden Garten. Wir spielten Federball über die gespannte Wäscheleine und der laue Wind ließ meinen Rock flattern und streichelte meine braungebrannten Beine bis in empfindsame Höhen. Zur Erquickung stand immer frischer, gekühlter Saft und etwas Obst bereit. Wir redeten über lustige Begebenheiten und lachten ausgelassen und fröhlich. Wir fühlten uns frei und gut. Verena wollte ein Päuschen einlegen und so setzten wir uns, gossen etwas Saft aus der Karaffe in die Gläser und prosteten uns zu, den Tag zu feiern. Nach einem erfrischenden Zug glänzten ihre Lippen feucht und weich. Sie musste meinen Blick bemerkt haben. Eine Zehntelsekunde lang schauten wir uns an, alles verstehend, bis ich mich erhob, auf Verena zuging, um mich langsam in ihren Schoß zu setzten und ihr tief in die Augen zu schauen. Ich nahm ihren Kopf in die linke Hand, schloss die Augen und saugte mich an ihren saftigen Lippen fest. Wir verloren uns in tiefer Sinnlichkeit.

Abermals erwachte ich. Aufgewühlt erinnerte ich mich an meinen vorletzten Traum, in dem ich Bratwürstchen aß – ich! Völlig absurd! Ein Blick auf die Wanduhr kündigte die Möglichkeit einer Mahlzeit an. Speichel sammelte sich in meinem Mund, und plötzlich bekam ich wieder einen Heißhunger, den ich so nur aus längst vergangenen Tagen kannte, als ich mich noch „ausgewogen“ ernährte, kohlenhydratereich, fettig, und von allem möglichst viel. Ich hatte das Gefühl, völlig unterzuckert zu sein und richtete mich auf. Meine Hände fingen leicht an zu flattern und wenn ich gestanden hätte, dann hätte ich mich wohl hinsetzen müssen. Ich klingelte.

Schwester Lisa betrat einen kurzen Augenblick später das Zimmer.
»Pünktlich zum Mittag!« sagte sie fröhlich. »Was darf ich Ihnen bringen? Wir haben die übliche Tageskarte, aber Privatpatienten haben freie Wahl. Naja, fast« meinte sie in liebenswerter Verlegenheit.
»Ich glaube, ich bin unterzuckert…«
»Wir können Insulin spritzen…«
»Nein, nein, ich brauche sofort etwas Anständiges zu Essen. Können Sie mir eine Salami-Pizza besorgen? Aber das wird dauern…, am besten zuerst ein Stück Brot, vielleicht ein Käsebrot, oder zwei…?
»Ja, kein Problem, ich bin sofort wieder bei Ihnen! «

Lisa musste über die Flure geflitzt sein, nach wenigen Minuten brachte sie zwei Käsebrote und machte sich anschließend eilig daran, die Pizza zu organisieren.

Die deftigen Käsestullen waren im Nu verschlungen, das Schlimmste war erst einmal vorüber und ich konnte wieder einigermaßen klar denken. »Salami-Pizza …?!« schoss es mir durch den Kopf. Ich hatte mit einer Selbstverständlichkeit eine Pizza bestellt, was in mir zwar ein verwirrtes Grübeln hervorrief, mich jedoch nicht ansatzweise auf die Idee brachte, die Bestellung wieder rückgängig zu machen. Seit meiner kompletten Ernährungsumstellung vor 8 Jahren hatte ich mich immer, zu jedem Zeitpunkt, leicht gefühlt, hatte nie einen schweren Bauch, war immer energiegeladen und gut gelaunt. Diese Leichtigkeit zeigte sich auch bei meinen sportlichen Aktivitäten. Alles machte einfach viel mehr Spaß. Jemand klopfte vorsichtig an die Tür und wartete gar nicht erst auf mein »herein«.
»Verena!«
»Sophia!«
»Woher wusstest du, dass ich hier bin?«
»Nach dem Unfall hatte ich sofort den Notdienst angerufen. Die haben mir dann erzählt, in welches Krankenhaus sie dich bringen würden. Und hast Du nicht immer eine Benachrichtigungskarte in Deinem Portemonnaie für eventuelle Fälle?« sprach Verena anerkennend.
»Ein Herr Doktor Heidrich rief mich heute Morgen an und erzählte mir alles. Ich hatte zuerst einen richtigen Schreck, aber er beruhigte mich und sagte, Du hättest nur eine ziemliche Kopfnuss verpasst bekommen.«
»Ach ja…, aber der Doktor hatte gar nichts davon erwähnt…?«

Ich erzählte Verena, was ich vom Unfall mitbekommen hatte und dass eine Bluttransfusion gemacht wurde.
»Komisch, davon hatte er auch nichts erzählt« staunte Verena.
»Ist vielleicht nicht so wichtig. Was wirklich Schlimmes ist ja auch nicht passiert. Ich war bewusstlos und habe ein bisschen geblutet.«
Ich schaute ihr in die Augen. »Ich habe eben von dir geträumt.«
»Und was?« fragte sie neugierig.
Ich schaute sie an und lächelte zaghaft. Sie erwiderte meinen Blick und dann nahm sie langsam ihre rechte Hand und streichelte meine Wange. Sie schaute verträumt an mir herunter. Dann holte sie plötzlich tief Luft, zog die Hand zurück und fragte mit gespielt autoritärer Stimme, ob ich schon etwas zu essen bekommen hätte.
»Die Pizza müsste eigentlich jeden Moment eintrudeln.«
»Pizza…?! Bist Du in deinem Traum schwanger geworden?« Sie lachte frei heraus. Dann erzählte ich ihr von meinem Bratwurst-Traum und von meiner Heißhungerattacke. Verena schien einen Moment nachdenklich. Sie war Kinderärztin und hatte hervorragende fachübergreifende Kenntnisse.
»Vielleicht ist es der Situation und dem Stress geschuldet. Deine Blutwerte sind ein bisschen durcheinander und deine Hormone spielen offenbar auch ein bisschen verrückt.«
Sie lächelte mich an und umarmte mich.
»Alles ist gut. Ich hole dich natürlich ab, wenn du hier rauskommst!«
»Ok, ich rufe dich rechtzeitig vorher an.«

Es klopfte an der Tür und die Pizza kam pflichtbewusst und freundlich hereinstolziert. Lisa stutzte einen Moment. Sie sagte »hallo« und Verena gab ein charmantes »hallo« zurück.
»Das ist Verena, meine Freundin.«
Lisa stellte die Pizza auf meinen Nachttisch, legte das Besteck hinzu und empfahl sich diskret.
»Ich wünsche dir einen guten Appetit!« Verena war völlig zwanglos und ließ mich tun, was für den Moment richtig schien. Nach den fetten Käsebroten jedoch weiter zu essen, wäre reine Gier gewesen, ich mochte nicht mehr.
»Der Geruch erinnert mich so an alte Zeiten. Irgendwie ist mir der Appetit vergangen. Ich glaube, die beiden Käsebrote reichen mir erstmal bis heute Abend.«
Verena fackelte nicht lange. Bevor das ganze Zimmer nach Pizza roch, ließ sie selbige wegen Appetitlosigkeit vom Personal wieder abholen. Anschließend öffnete sie das Fenster. Sie wirkte immer noch etwas nachdenklich.
»Sophia, ich wollte mal kurz etwas mit dir besprechen.«
Sie setzte sich wieder an meinem Bettrand und ich schaute sie fragend an.
»Hast du die Bluttransfusion noch im Rettungswagen bekommen oder erst im Krankenhaus?«
»Das weiß ich nicht.«
»Ok, das war sicherlich lebensrettend, ich gehe davon aus, dass hier nach dem “patient blood management” verfahren wurde. Denn Fremdblut, gerade nach Unfällen, beschäftigt das Immunsystem mehr mit eben dem fremden Blut anstatt mit der Wundheilung und den Krankheitserregern. Und das kann Folgen haben, auch nach Wochen. Was außerdem beobachtet wurde, ist, dass durch Bluttransfusionen und das dadurch bedingte Aufnehmen von fremden Genmaterial bestimmte Eigenschaften, das heißt Vorlieben des Spenders, übernommen wurden. Vielleicht ist das jetzt noch zu früh, aber dein Heißhunger auf Pizza und Bratwurst könnte darauf schließen lassen, dass dieser Effekt bei dir eingetreten ist. Ungewöhnlich ist es schon.«
Ich wurde ernster. »Bin ich jetzt nicht mehr … so wie früher?«
»Oh doch!« Verena lächelte. »Du bleibst immer meine Sophia und ich liebe dich. Nur möchte ich dich gerne auf Dinge vorbereiten, an denen wir möglicherweise zu arbeiten hätten.«
Mir wurde leichter und mit einer zärtlichen Geste legte ich meine Hand an Verenas Schulter.
»Danke! Ach weißt du, im schlimmsten Fall lege ich hin und wieder einen Pizza- oder Bratwursttag ein und werde dann für ein paar Minuten bulimisch.« Wir feixten beide und wussten dennoch, dass dies eine echte Herausforderung werden könnte.
»Hauptsache, es ist nicht irgendeine wirkliche Sucht nach Pommes oder Fleisch oder sonstigem Kram.«

War das jetzt noch Selbstironie oder schon unbewusste Verzweiflung? Ganz klar war dies nicht, aber Verena wusste, was für eine Genießerin Sophia war, mit was für einer Genauigkeit und mit welch freudigem Eifer sie sich an ihrer täglichen Ernährung gemacht hatte. Sie würde eher fasten, als sich Gewohnheiten hinzugeben, die ihr zuwider waren.

In der Folge machte sie unter der Anleitung Verenas regelmäßige Blutwaschungen, d.h. Aderlässe, so dass sich ihr Blut ständig erneuern und reinigen konnte. Die Fremdblutanteile waren nach wenigen Monaten ersetzt worden und Sophia erfreute sich wieder ihrer ursprünglichen Lebensfreude. Bald kam der Mai, ihr Garten fing an zu blühen und sie spielten wieder Federball über die gespannte Wäscheleine. Zwischendurch, um sich mehr vom Lachen als vom Spielen zu erholen, setzten sie sich und erquickten sich an frisch gepressten Säften und reifem Obst.