Essay – Das Urteilen über andere

Jeder von uns erlebt es oft genug; in einer Auseinandersetzung mit dem anderen erfahren wir Beleidigungen, Vorwürfe, Unterstellungen, teils massiv und meistens mit einer Emotionalität ausgetragen, die unsere Verletzungen bzw. das Verhalten des anderen mitunter unverzeihlich erscheinen lassen.

Der andere scheint Fehler zu machen und allzu schnell sind wir dabei, dem anderen Dummheit, Ungerechtigkeit, Unfähigkeit oder gar Böswilligkeit zu unterstellen – wir urteilen. Warum jedoch agiert der andere derart? Das herauszufinden halte ich für einen wichtigen Punkt, wenn wir Frieden finden wollen mit uns selber und dem anderen.

Unbewusster Antrieb jeglicher missklingenden Gedanken, Worte und Taten sind Ängste, die sich aus unerfüllten Bedürfnissen heraus entwickeln und äußern. Diese Erkenntnis soll uns nicht dazu bringen, schwere Angriffe gegen unsere Persönlichkeit, gegen Recht und Würde widerspruchslos hinzunehmen. Dennoch müssen wir uns zunächst wirklich sehr deutlich machen, das, wenn der andere sich ‚gehen lässt‘, sich völlig ‚daneben benimmt‘, gar kriminell wird, es ihm in Wirklichkeit schlecht geht, er in eigenen Konflikten feststeckt.

Jeder Mensch, der Handlungen verübt, die wir nach vorherrschenden ethischen und moralischen Maßstäben verurteilen und bestrafen, bzw. mit denen wir uns angegriffen und verletzt fühlen, ist unglücklich!

Unser Wertesystem in den verschiedensten Ebenen des Gesellschaftslebens hat nicht grundlos den Ansatz bzw.  Leitspruch ‚helfen statt strafen‘ aufgegriffen.
Es bleibt eine Herausforderung für jeden von uns, auch wenn psychologisch geschult, dem anderen, dem ‚Querulanten‘, in einer Konfliktsituation Empathie, Zuwendung und Hilfe angedeihen zu lassen. Warum? Weil wir damit die Situation nachhaltig deeskalieren. Vor allem helfen wir uns damit am meisten, weil wir emotionalen Stress und damit verbundene innere Widerstände abbauen, die so viel Kraft kosten und selbstzerstörerisch wirken können. Wir schonen unsere Kräfte, lassen los, werden wieder eins mit uns, haben eine schlaflose Nacht weniger und können vergeben.

Wir sind nicht für den anderen verantwortlich, wenn dieser nicht lernen will oder kann. Jedoch einer Sache bin ich mir absolut sicher; wenn unsere Zeit irgendwann gekommen ist, werden wir sicher manches bereuen, das wir nicht taten.

– Am meisten werden wir jedoch bedauern, dass wir andere verurteilt haben!

Wir sind nicht offen, mit einem Lächeln, auf ihn zugegangen, haben ihn in die Arme genommen, ihn geliebt, sondern ihn in seiner Not verstoßen. Wir werden Chancen vertan haben, brachten kein Licht, keine Freude in diese Welt. Dies wird uns am meisten schmerzen.

Wenn wir einmal mutig solches Vorgehen zulassen, dieses Verständnis für den anderen aufbringen, was wohl wahre Reife/Größe auszeichnen mag, werden wir innerlich etwas sehr Großartiges wahrnehmen. Denn allein diese Einstellung führt zu einer heilsamen Empathie, welche uns die Bedürfnisse des anderen hinter seinen Worten und Taten erkennbar werden lassen. Wir wissen nun, dass der andere nicht ‚böse‘ ist, sondern verzweifelt. Dies ist der erste Schritt in eine nun wieder möglich gewordene Kommunikation mit Erkennen, Klärung, Verzeihen, Loslassen. Es fällt deutlich spürbar etwas von uns ab an innerem Druck und wir werden wieder offen für den anderen. – Eine gute Voraussetzung für wertschätzende Kommunikation.

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