Essay – Die Erde ist eine Mattscheibe

Unser zweidimensionales Leben

„Die Erde ist eine Mattscheibe“ – Diesen Spruch las ich vor Jahren auf einer witzigen Postkarte. Vor einigen Tagen hatte ich einen Dienstleister in meiner Wohnung, der völlig fassungslos darüber war, dass ich keinen Fernseher stehen hatte (seit 1992 nicht mehr). Ich beschäftige mich halt gerne, wobei ich zugebe, dass ein Großteil meiner Tätigkeiten vor dem Computerbildschirm stattfinden. Einerseits, um Texte wie diesen schreiben und ins Internet stellen zu können, zum anderen für meine Foto- und Musik-Bearbeitung. Aber einen Fernseher?! Was soll ich damit?

Sehr viele Menschen verbringen einen wesentlichen Anteil ihrer Lebenszeit vor Bildschirmen. Ob das normal ist, mag ich nicht zu beurteilen. Allerdings denke ich, dass wir dadurch enorme Kapazitäten verschenken und in dieser Zeit nicht wirklich leben – wir werden gelebt.

Da ich stets versucht bin, mich in meinen Überlegungen an etwas zu orientieren, das ich als ‚Normalität‘ bezeichnen möchte, werde ich auch hier wieder auf Vergleiche mit der Natur zurückgreifen. Denn was ’normal‘ ist, darüber lässt sich sicher trefflich streiten. Die Natur gibt uns jedoch genügend Anhaltspunkte und Beispiele, um Entwicklungen zu erkennen und zu verstehen, die vielleicht unnatürlich sind. In diesem Zusammenhang sei mir die Festlegung gestattet, ‚Unnatürliches‘ als anormal einzuordnen.

‚Natürlich‘ mag es sein, dass wir einen Fernseher erfinden, dass wie Entdeckungen machen, Möglichkeiten ausloten, machbares probieren, Tendenzen abwägen. Wobei letztere heute vorrangig von marktwirtschaftlichen Interessen gesteuert sein dürften.
In erster Linie, die Erfindung des Fernsehers betreffend, wird man sich für Möglichkeiten drahtloser Informationsübertragungen interessiert haben. Und bald konnte Nachrichtenübermittlung ‚live‘, ‚aktuell‘ und durch Korrespondenten vor Ort aus erster Hand stattfinden.  – Ein kräftiges Argument, Zeitgeschehen unmittelbar und räumlich unabhängig verbreiten und erleben zu können.

Doch bereits hier stellt sich die Frage, was der Einzelne, von seinem lokalem, eventuell noch überregionalem, Standpunkt/Wohnort aus betrachtet, an Informationen ‚benötigt‘. Was ist noch sinnvoll von dem, was uns an Informationen erreichen soll? Man könnte diese Frage gar auf das äußerste reduzieren; was ist informationstechnisch lebensnotwendig?

Was unser tägliches Leben betrifft, beziehen wir alle relevanten Informationen, die wir für die Interaktion mit unserem sozialen Umfeld, unserer Umwelt benötigen, eben genau aus diesen; aus Umwelt und Umfeld, das, was ‚um uns herum‘ geschieht. Von unseren Angehörigen, Mitmenschen, Kollegen, Freunden, aus sozialen und naturgegebenen Geschehnissen/Anlässen unserer Region, sowie deren gedankliche, emotionale und praktische Verarbeitung/Bewältigung. Wir benötigen diese Informationen zum Leben und Überleben. Hat es uns je echten Nutzen gebracht zu erfahren, dass in ‚China ein Sack Reis umgefallen ist‘? Gerade in heutigen Zeiten sozial-kommunikativer Globalisierung, haben wir den Anspruch, oder unterliegen anscheinend einem Gruppenzwang, ‚umfassend‘ informiert zu sein, damit man mitreden kann. Welche weltweiten Ereignisse hatten je einen (entscheidenden) unmittelbaren Einfluss auf unser lokal stattfindendes Leben? Die Beantwortung dieser Frage ‚ist ein weites Feld‘. Vermittelt wird uns heute ein ‚Weltbild‘, zumeist kein gutes, aber die Welt ist nicht so. Dort, wo ich lebe, in meinem Ort, ist die Welt anders, das ist ‚meine Welt‘, und diese ist das Gegenteil von dem, was uns permanent an Hiobsbotschaften erreicht, erreichen soll.

Muss der Eisbär im kalten Polar wissen, wie es dem kanadischen Grizzly-Bär auf seiner Nahrungssuche geht? Welchen Nutzen hätte es für ihn zu wissen, dass beim Kampf um’s Weibchen einer von zwei russischen Braunbären verendete? Er benötigt um zu überleben natürlich(e) Informationen, und zwar die aus seinem unmittelbaren Umfeld. Mittels dieser wird er wissen, was zu tun ist. Wir werden pausenlos zugemüllt, abgelenkt, mit Informationen, die völlig nutzlos sind. Was für ein unglaublicher Aufwand wird für diesen Zweck betrieben!

In den 50er Jahren, als es in Deutschland nur wenige Hundert Fernsehgeräte gab, beschränkte sich die Sendezeit auf täglich ca. 2 Stunden. Sie diente vordergründig der Information (nehme ich an, denn die privaten Sender und ‚Unterhaltungsformate‘ gab es noch nicht), unabhängig von deren Zweckmäßigkeit in Bezug auf oben Angeführtes. Heute jedoch sind das Fernsehen wie auch die ‚Bildschirme‘ von Konsolen, Computern und gar Smartphones zu mächtigen Faktoren der Unterhaltung, Manipulation und Desinformation mutiert; wir werden von Bildschirmen gesteuert, und es ist eine interessante Frage, was uns dazu treibt, was uns so an Bildschirmen fasziniert, uns von der 3-dimensionalen auf die 2-dimensionale Ebene bannen zu lassen.

Displays haben heute in Verbreitung und Gebrauch eine Größenordnung erreicht, welche sie zu großen Teilen als Ersatz für unsere Wirklichkeitswahrnehmung werden lassen. Genau genommen sind sie ein Ersatz für aktives, nach außen gerichtetes Leben. Ein übergroßer Teil unserer Freizeit, unseres Lebens, findet vor Displays statt. Aufmerksamkeit und Wahrnehmung reduzieren sich drastisch auf ‚Flächen‘, auf denen uns Geschehnisse, Aktivitäten, Leben vorgegaukelt werden. Die Natur ist 3-dimensional, unsere Sinne wahrscheinlich multi-dimensional. Sie können Dinge wahrnehmen und verarbeiten, die uns durch Denken verschlossen bleiben. Durch übermäßigen Gebrauch von Displays gehen uns körperliches und geistiges Wachstum/Entwicklung anschiebende Inhalte/Impulse verloren, die uns von der Natur, unserer Umgebung im erweiterten Sinne, unaufhörlich ‚frei Haus‘ zur Interaktion angeboten werden, und die ersetzt werden durch ‚virtuelle Welten‘; unsere Sinne und Fähigkeiten verkommen, werden ebenfalls virtuell.

Vor Jahren las ich einmal ein Buch, in welchem ich erfuhr, dass es früher Zigeuner gab (man verzeihe mir diesen alten Sprachgebrauch), die sich hartnäckig weigerten Lesen zu lernen, weil sie die Erfahrung machten, dass dadurch ihre gesunden, natürlichen Instinkte nachhaltig geschwächt wurden; sie gingen ihnen unwiederbringlich verloren. Diejenigen, welche Lesen gelernt hatten, waren deshalb aus ihrer Sicht nicht gebildeter, mitunter allenfalls nützlich. Von ihrem Standpunkt aus hatten sie völlig Recht, denn sie waren (und sind wohl noch) ‚Naturmenschen‘, in dem Sinne, dass sie die Natur noch kannten, erfuhren, lebten, mit ihr lebten, sich als Teil dieser verstanden. Für uns ‚Zivilisten‘ gibt es nur noch ‚Nutzflächen‘, zumeist für Unternehmer und Spekulanten. Wie gehen diese Menschen heute mit den digitalen Welten um…?

Tragischerweise führt das übertriebene Nutzen von Computern gerade bei Kindern zu Leseschwächen. Auf einer Buchseite gibt es nur Buchstaben, auf die man sich fokussieren muss. Auf einem Display jedoch genug anderes, um den Blick schweifen lassen zu können. Und so verlernen Kinder zu Lesen, Inhalte zu erfassen, in Zusammenhang zu setzen und zu verarbeiten, wo doch gerade das Lesen, die Schrift, zu den umwälzendsten zivilisatorischen Errungenschaften und Notwendigkeiten gezählt wird.

Das Kind will lernen und nimmt alles begierig auf, was ihm angeboten wird, es lernt durch Nachahmung. Es ist verheerend, wenn es aus Bequemlichkeit stundenlang vor den Fernseher gesetzt wird. Denn es werden emotionale Bindungen zu Figuren und Inhalten aufgebaut, die fiktiv, lebensfremd sind und echte Beziehungen, zur Familie, Freunden etc., ersetzen können. Das ständige Wahrnehmen von Gewalt und anderen gesunden und sozialen Normen zuwiderlaufenden Verhaltensweisen, ‚trainiert‘ Kinder unbewusst und setzen sich als Muster fest, die als normal verinnerlicht oder irgendwann ‚angetriggert‘ werden… Das Gehirn speichert alles, das weiß man, und deshalb kann dieser ganze Müll, der somit unentwegt in die Köpfe fließt, nicht ohne Folgen bleiben. Fernsehen, so wie es sich heute gebärdet, ist zerstörende Anti-Kultur.

Wenn wir sehen, dass Gewalt, Mord, auch in Kindersendungen völlig normal, allstündlich ist, dann werden diese unsere Kinder mit diesem Selbstverständnis auch durch die Welt schreiten.
Fernsehen ist eine Ersatzbefriedigung für mangelnde Inhalte, wie Sport, Spiel, Musizieren, Lesen, Kultur in jeder Form, die zwar kurzfristig die Befriedigung ersetzen, aber nicht die wahren Bedürfnisse dahinter. Eines dieser Bedürfnisse ist Gemeinschaftlichkeit. Wie viele sitzen vor dem Fernseher oder Computer, anstatt gemeinsamen Aktivitäten nachzugehen.

„Früher hieß das soziale Umfeld DRAUßEN!“

(Gefunden bei Facebook)

Auf den Displays, ‚da passiert was‘, und unser Gehirn lebt und entwickelt sich von Eindrücken, von wachsenden Synapsen-Schaltungen, sammelt unentwegt Informationen, baut ‚Referenzen‘ für Verhaltens- und Glaubensmuster auf. Displays sind eine bequeme Art, das überaus neugierige Gehirn zu beschäftigen, weil es alles gerne aufsaugt wie ein Schwamm. Und wenn nichts anderes, als Bildschirminhalte, dann eben das.
Wenn wir ‚fernsehgucken‘, ist fast das gesamte Gehirn inaktiv, wir befinden uns in einem hypnotischen Zustand und sind entsprechend hoch suggestiv, und dies für teils schauderhafte, geisttötende, niveaulose Inhalte. Wenn wir im Gegensatz dazu, z.B., musizieren, sind alle Teile des Gehirns hoch aktiv. Dies hat man auf Energiebildern zu den jeweiligen Situationen deutlich sehen können. Diese Lebendigkeit überträgt sich dann auch auf andere Bereiche unseres Handelns.

Wir können viele Dinge nicht haben und tun, die wir vielleicht möchten. Wie viel von dem wird uns jedoch erst durch die Medien in den Kopf gesetzt? Es werden Begehrlichkeiten geweckt, was zum einen sich die Werbung zum Nutzen macht, zum anderen führen unerfüllte Begehrlichkeiten zu weiterem Fernsehkonsum, damit wir uns diese ‚tollen Dinge‘ wenigstens anschauen und auf diese Art leben können. Wenn wir mehr an Bewegung interessiert wären, bräuchten wir all diese Dinge nicht, dann gäbe es mehr als genug Möglichkeiten, dieses Interesse zu befriedigen, um darin schließlich echte Befriedigung zu finden.

Gerade erinnere ich mich daran, dass wir im Jugendalter zu jemandem, an dessen Fähigkeiten wir zweifelten (um es vorsichtig zu formulieren), sagten ‚er/sie hat eine Mattscheibe‘. Früher hatte ich darüber gar nicht nachgedacht, wusste eben nur, dass gemeint war ‚der/die ist bescheuert‘. Heute würde ich in diesem Zusammenhang sagen, weil er/sie ’ne Mattscheibe hat.

Fernsehen kann, bei bewusster Wahl der Inhalte, durchaus bereichernder Teil des Lebens sein, ist aber für viele das Leben selbst.

Deshalb, schalte mal wieder ab! Man kann auch anders abschalten!

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