Die Bärenfalle

Meine sachten Schritte waren auf dem feuchten Waldboden kaum zu hören. Ich kam von der Jagd. Auf der anderen Seite des Waldbaches sah ich in einiger Entfernung meine Holzhütte in der Lichtung stehen. An der Quelle machte ich kurz halt, um mein verschwitztes Gesicht mit frischem Nass zu benetzen. Im Wasser erblickte ich das glitzernd-schillernde Spiegelbild eines ca. 50-jährigen Mannes, bärtig, braun, wettergegerbte Haut.
»Du solltest dir mal wieder den Bart schneiden. Du Schlampe.« Mein Gegenüber grinste mich an. »Kein Wunder, wenn du kaum was fängst, die Tiere laufen ja alle vor dir weg!«
Dann erhob ich mich für die letzten Schritte zu meiner Behausung. Die Sonnenstrahlen fielen in goldweißem Schimmer schräge durch die Baumkronen auf die Holz-Fassade. In diesem Licht leuchtete der ganze Wald bunt, wie auf einem Feste mit vielfarbigen Kostümen. Der Wald lebte, erfüllte mich mit Licht und Freude, und doch dachte ich dabei bereits an die kommenden Monate frostiger Stille, in denen das knisternde Feuer meiner Heimstatt nicht mehr verlöschen würde. Von diesen Festen und anderen zivilen, kulturellen Eigenarten hatte ich mich zurückgezogen, um die Stille zu genießen, die oft so viel mehr zu sagen hatte, als Geschwätz und Zeitungen; leise und unaufdringlich, jedoch mit Absolutheit, Sicherheit, Klarheit. Zwei unschuldige Hasen hingen an meinem Gürtel, die für innere und äußere Wärme sorgen würden. Die Tür knarrte und ich betrat meine Hütte, legte ab, zündete das Feuer im Kamin an und bereitete die Hasen zu. Im Winter wird mir ihr Fell von einigem Nutzen sein. Abends, wenn die Mahlzeit köchelte, putzte ich mein Gewehr, richtete die Fallen her, fettete meine Stiefel, und bereitete Kräuter-Schnaps für die kalten Abende, Fleisch-Konserven und Brennholz zu, besserte das Dach aus…. Hin und wieder badete ich im Trog, sogar ’ne kleine Schwitzhütte hatte ich mir gebaut. Es gab immer Notwendigkeiten, eines nach dem anderen, ohne dass es zu viel oder zu wenig wurde. Die Uhr der Natur war der Zeigerschlag in meinem Kopf, der mich morgens aufstehen und spät abends mein Nachtlager aufsuchen ließ. Und nicht nur die Stille hatte etwas mitzuteilen, nein, auch ich redete. Mit allem möglichen, sogar mit mir.
»So, meine lieben Hasen, ich danke euch. Ihr habt euer Bestes getan und werdet im Hasen-Himmel dafür bestimmt rammeln können, bis ihr euch wieder auf die Erde sehnt. Aber es gibt noch jemanden, der ist größer als ihr beide zusammen; der Bär. Er ist sogar größer als ich. Bevor er sich in den Winterschlaf verkriecht, werde ich ihn jedoch zu mir holen. Hier hat er es doch viel wärmer; und ich auch. Einen schönen Gruß in die ewigen Jagdgründe, und kommt nächstes Jahr wieder! Ich mag euch!«
Ja, ich mochte sie wirklich; mit ein paar Butter-Kartoffeln, im eigenen Fett und frischen Kräutern waren sie wirklich sehr schmackhaft.

In den nächsten Wochen fertigte ich meine Bärenfalle an und versuchte den Bären aufzuspüren, sein Versteck zu finden. Er war sehr schlau, und manchmal drehte er das Spiel um, wurde zum Förster in seinem eigenen Revier, beobachtete mich aus sicherer Entfernung, was ich da wohl trieb, und manches Mal blieb ich in sicherer Entfernung zu meinem Blockhaus, um rechtzeitig die Tür schließen zu können. Bald hatten wir uns aneinander gewöhnt, hielten respektvollen Abstand, den ich immer mehr vorsichtig zu verkürzen suchte. Ich wusste jetzt, wo in seinem etliche Quadratkilometer großen Revier er sich am liebsten aufhielt, kannte aber noch nicht sein Versteck. War es eine Baumwurzel, eine Felsspalte, oder grub er sich selber ein Loch in die Erde? Dort in die Nähe würde ich meine Falle aufstellen, denn ihn aus näherer Distanz mit dem Gewehr zu erlegen, war mir zu riskant, und womöglich hatten die Hasen Grund für schadenfrohes Gelächter.

Die Blätter fielen, es wurde kahl, grau, und ich packte mich in zunehmenden Kleiderschalen, um mich vor Nässe und Kälte zu schützen. Das Holz für den Winter war fertig, alle Ritzen und Fugen mit Moos verstopft, Vorräte an Nahrung, Wasser und Schnaps angelegt. Und da die Zeit im Freien sich verkürzte, hatte ich mitunter Gelegenheit, zu schreiben. Dies war zugleich mein Lesestoff; über Jahre angesammelt bot er mir manch nachdenklichen und unterhaltsamen Rückblick meines Einsiedler-Daseins. Vor ungefähr 20 Jahren war ich aus dem irrsinnigen Großstadtleben geflüchtet, und hatte mich tief in die Wälder begeben. Ich war nur noch ich, ohne Projektionen, was zu sein man von mir erwartete. Meiner damaligen Frau war ich nicht „ehrgeizig“ genug, weshalb sie sich bald trennte, um einen reichen Bankier zu heiraten. Oft hatte ich über diese seltsame Wortzusammenfügung nachgedacht; Ehr-Geiz …, müsste es nicht Ehr-Gier heißen? Hier, für mich, hatte ich das zu tun, was zu tun war, nichts weiter. Die tägliche Berührung und Erfahrung mit der Natur bildete mich in einem Maße, wie es in den zivilisierten Schulen schlicht unmöglich war. Hier hatte Schulbildung wenig Wert. Sie machte mich nicht schlauer als den Bären, über den man uns den Bären aufgebunden hatte, er wäre ein Raubtier.
Eines Tages war ich am späten Nachmittag unterwegs, stiefelte durch nasses Laub, um meine aufgestellten Fallen zu kontrollieren. Plötzlich – standen wir uns gegenüber. Wir waren beide erschrocken. In ungefähr 50 Metern Entfernung sah ich ihn, und er mich. Blitzschnell checkte ich meinen möglichen Fluchtweg und bewegte mich vorsichtig etwas rückwärts, während ich nach meinem Gewehr tastete. Der Bär richtete sich auf, gab ein ohrenbetäubendes Krachen von sich und zeigte mir sein fürchterliches Gebiss. Was für ein Riese, mindestens 2,50 Meter hoch! Sein Aufrichten war eine Drohgebärde, welche die bestehende Distanz gerade noch akzeptierte. Der Bär kam wieder auf die Vorderfüße und schien mir noch jetzt in seiner Schulterhöhe beinahe so hoch wie ich. Für ein paar Sekunden sahen wir uns still in die Augen. In diesem kurzen Augenblick schien das Schicksal uns zu verbinden. Dann ließ er mich ohne Hast abziehen. Ich machte vorsichtig kehrt und begab mich dann doch eiligen Fußes über holprige Äste und rutschigem Grund auf den Heimweg. Ich war mir nun sicher, dass er irgendwo dort in der Nähe seine winterliche Behausung für die bevorstehende Kältestarre einrichten würde. Froh, dass es keine Bärin war, die um diese Zeit bereits Nachwuchs tragen konnte, bereitete ich mich mit Spannung und Freude auf diesen besonderen Tag vor, den Bären zu besiegen, sein Fleisch, sein Fell, Krallen und Zähne zu erbeuten.

Tage später gelang es mir, in der Nähe unseres ersten Zusammentreffens das Fangeisen aufzustellen. Es war zwar gummiert, um dem Bären Schmerzen zu ersparen, aber ich wollte ihn dennoch nicht zu lange dieser Ohnmacht-Situation aussetzen. Und so begab ich mich jeden Tag auf die Pirsch, in der Erwartung, dem Bären ein letztes Mal gegenüber zu stehen. Er ließ mich lange warten, vielleicht foppte er mich auch und wartete darauf, mich selbst in der Falle zu finden. Diese Art des Jagens zelebrierte ich nur einmal im Jahr. Ich habe oft von Jägern gehört, die wussten irgendwann nicht mehr genau, wo überall sie ihre Fallen aufgestellt hatten, und wurden dann ihr eigenes Opfer. Gefangen erfroren und verbluteten sie oder hatten das Glück schnell zu sterben, weil Bären oder Wölfe kamen. Sich alleine aus einem Fangeisen zu befreien war unmöglich. Diese Qual wollte ich Tieren ersparen, deshalb bevorzugte ich den gezielten, sauberen Schuss, auch wenn es mich oft viel mehr Zeit kostete, überhaupt Wild vor den Lauf zu bekommen.

Eines frühen Morgens wurde ich von schrecklichem Gebrüll geweckt. Ich war sofort hellwach und mir klopfte das Herz bis zum Hals. Das war der Tag, auf den ich gewartet hatte! Zum ersten Mal nahm ich auch meinen Bärenspieß mit, um für alles gewappnet zu sein. Zeit zum Essen war nicht, und so machte ich mich fertig und schloss die Tür meiner warmen Behausung, um in das kalte, frostige Abenteuer zu ziehen. Ich lief schnurstracks Richtung Bärenfalle und unterwegs hörte ich für kurze Zeit wieder das verzweifelte Geheul des Bären. Als ich in die Nähe der Falle kam, hielt ich den Atem an. Vorsichtig versuchte ich im halbdunklen Wald einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Jetzt war ich fast an dem Punkt, an welchem ich vor wenigen Wochen dem Bären gegenüberstand. Ich bog Zweige zur Seite, schaute vorsichtig hinter Bäumen hervor, pirschte mich noch näher heran, Gewehr und Bärenspieß griffbereit. Dann sah ich die Stelle, an der ich die Falle versteckt hatte; und die Erde ward wüst und leer. Die Falle war weg, aus dem Boden gerissen, der ganze Platz sah wie umgepflügt aus, also war er unterwegs, irgendwo hier. ich schaute mich vorsichtig nach allen Seiten um, und erstarrte – er stand direkt hinter mir, ein brauner Riese, gegen den mein Bärenspieß wie ein angespitztes Streichholz wirkte. Mit dem Falleisen am Fuß stürzte er auf mich zu. Ich hatte keine Zeit, mein Gewehr in Anschlag zu bringen, lief davon in den Wald, nach Fluchtwegen suchend, alle kahlen Bäume instinktiv ausblendend nach einem geeigneten Ausschau haltend, dort, der Baum, nein, der da war besser, ließ sich gut erklimmen, Bärenspieß und Gewehr fallen lassend, um die Hände frei zu haben, ergriff ich über mir einen Ast, zog mich hoch, schwang mein rechtes Bein über den Ast, stützte mich hoch und griff schon nach dem nächst höheren und zog mein linkes Bein nach, bevor die Riesentatze mit Krallen groß und scharf wie Messer krachend in den Baum schlug, das die Rinde nach allen Seiten splitterte. Der ganze Baum erzitterte, der Bär tobte und schlug weiter nach mir und ich kletterte so hoch, wie ich konnte, bis ich mich in dem wähnte, was man noch Sicherheit nennen konnte. Von hier oben aus harrte ich der Dinge. Mit der Falle am Bein konnte er nicht klettern, immer wieder schaute er hoch, so dass der Atem seines bestialischen Rachens in Schwaden zu mir hoch stieg. Noch lange schlich er um den Baum herum, bis er sich nach einem letzten brüllendem Ruf endlich ausgetobt hatte. Einen kleineren Baum hätte er wahrscheinlich einfach aus dem Boden gerissen, so blieb ihm nichts weiter, als diese stämmige Eiche zu belagern. Seine Höhle lag in unmittelbarer Entfernung. Ich hoffte, dass er sich irgendwann dorthin zurückziehen würde, vielleicht einschlafen würde, damit ich mich unbemerkt davon machen könnte, aber dann lag er in der Höhlenöffnung nach außen gewandt und belauerte mich. Und auch wenn er zwischenzeitlich die Augen schloss, wusste ich, dass ihm nichts entgehen würde. Auf einem Ast saß ich nun, wartend, nach Möglichkeiten suchend. Stunden vergingen.

Es begann zu dämmern, eine Flucht wurde mit zunehmender Dunkelheit unmöglicher. Ich musste immer wieder die Position wechseln, damit die Gliedmaßen nicht taub wurden, was jedoch jedes Mal die Aufmerksamkeit des Bären erregte. Irgendwie musste ich hier runter; die ganze Nacht auf dem Baum, in der Kälte ohne Schlaf, war keine gute Vorstellung. Unter dem Baum lagen noch meine Waffen, zertreten von zentnerschwerer Wut. In einem günstigen Moment hätte ich es wagen müssen, schlimmstenfalls einen direkten Kampf zu führen, so hatte ich jedoch nur noch meine Beine und Angst, die energetisieren oder lähmen konnte. Die Nacht brach herein und der erste Schnee fing an zu rieseln. Zusammengekauert bewegte ich meine Füße und Hände, um warm zu bleiben. Ich hatte die Befürchtung einzuschlafen und von Baum zu fallen, weshalb ich mir den Gürtel vom Leib zog und mich an dem Ast, auf welchem ich saß, festband, hoffend, nicht des Nachts plötzlich in diesem zu hängen. Stunde um Stunde verging, ich musste etwas tun und konnte es nicht, die Dunkelheit machte alles aussichtslos. »Was hatte ich verkehrt gemacht?«, dachte ich nach. Zu schnell war ich in das Gebiet vorgedrungen, in der trügerischen Sicherheit, einen gefangenen Bären vorzufinden, der nur noch auf den Gnadenschuss wartete. Nun war ich gefangen und hatte nicht einmal einen Gnadenschuss für mich selbst. Würde der Bär in seine Kältestarre verfallen? Wann? Wenn es hell würde, könnte ich versuchen, dem schmerzenden Handicap des Bären einfach davon zu laufen. Aber Bären können schnell sein, sehr schnell. Auf Kurzstrecken schaffen sie gute 60 km/h, deutlich schneller als ein trainierter Sprinter. Ein Vorteil waren vielleicht Gestrüpp, Bäume und ein gewisser Überraschungseffekt, der mir einen kleinen Vorsprung verschaffen würde.
Es mochte 3 oder 4 Uhr sein, als ich mir vornahm, die Augen zu schließen und mich etwas auszuruhen. Ich begab mich in eine möglichst stabile Gleichgewichtslage und versuchte zu schlafen. Halb im Dämmerzustand wurde ich immer wieder von Geräuschen wach, Laub-Rascheln, Knacken des Unterholzes, manches wie leise Schritte. Immer wieder versuchte ich, die Richtung zu orten. Mal kam es aus der einen, mal aus der anderen Richtung, mal aus mehreren Richtungen gleichzeitig. Schlich da wer um meinen Baum herum…? Meine Gänsehaut war stärker als das Frieren. Die tanzenden Schneeflocken rieselten auf mein Gesicht, wie damals zu Weihnachten, als wir vergnügt mit Schneebällen warfen. Würde ich erfrieren, leblos an meinem Gürtel hängen, wie am Opfer-Baum? Es war windstill und es schneite unentwegt, der Wald lag im Winterschlaf.

Der Morgen brach an, der Schnee hatte sich gelegt. Aus meinem Dämmerschlaf erwachend versuchte ich die Augen zu öffnen, die der Schnee zugeklebt hatte. Noch konnte ich kaum etwas ausmachen im morgendlichen Halblicht. Völlig steif versuchte ich meine Gliedmaßen zu spüren, ich musste wieder warm werden. Nach ein paar Streckversuchen gelang es mir, den Gürtel zu lösen und mich langsam etwas aufzurichten. Es bot sich ein völlig neues Bild, alles war weiß und unberührt. Zumindest in der ersten Erwartung. Dann sah ich es; Spuren. Große Spuren. Sie kamen aus dem Wald und – führten direkt unter meinen Baum. Ich schaute mich um, aus allen Richtungen kamen Spuren, die zum Zentrum führten; zu mir. Mein Blick senkte sich. Zunächst sah ich nur Weiß, doch dann traute ich meinen Augen nicht. Im Weiß unter mir waren Silhouetten zu erkennen. Reglos saßen sie da, einen Kreis um den Baum bildend, fast eingeschneit – Bären! Eins, zwei, drei, vier, fünf. In meinem Kopf spulte ein Film mein ganzes Leben in Bruchteilen von Sekunden ab. Wo war der Sinn? Welches war meine Aufgabe? Alles löste sich auf an Erinnerungen, Emotionen, so sinnlos so viele Befindlichkeiten, die zu so vielen sinnlosen Auseinandersetzungen geführt hatten. Was nimmt man mit an guten Gefühlen, die letztlich alles gut werden ließen, das Einzige, was sich überhaupt lohnte, mitzunehmen. Es hätte immer besser sein können, immer. So viele Schicksale, so viele Helden, so viel Erkennen, so viel Vergehen. Ein nie endender Kreislauf von Kommen und Gehen. Ich musste gehen, und jetzt wusste ich, dass ich wiederkommen würde. Als Mensch. Als liebender Mensch. Ich erinnerte mich daran, dass mich mal jemand fragte was ich tun würde, wüsste ich, es wäre mein letzter Tag. Unter Menschen gehen, irgend etwas Gutes tun, jemanden glücklich machen, sein Lächeln sehen, antwortete ich. Hier gab es nichts mehr zu tun, außer Abschied zu nehmen von dieser Stille. Denn ich musste hier runter, mich meinem Schicksal stellen.
Mich emporziehend richtete ich mich zu meiner vollen Größe auf. »Danke für alles, Gott. Danke, ihr Hasen, ihr konntet nichts dafür. Jonathan MacBennet, du warst nicht der Schlechteste.« Ich sog die frische Schneeluft tief in meine Lungen und stieß einen welterschütternden Schrei aus, meinen letzten Kampfschrei. Dann kletterte ich den Baum hinunter, ließ mich auf meine frosttauben Füße fallen. Allmählich kam ich hoch. Die Bären empfingen mich, still kamen sie auf mich zu, bis sich der Kreis schloss und es abermals dunkel wurde. Vollkommen dunkel.
Mein erster Gedanke nach dem Erwachen war, heute und jeden Tag einen Menschen glücklich zu machen und sein Lächeln zu sehen. Dies tat ich fortan, Zeit meines Lebens.

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