Das Glück des Lebens

Es war drückend im voll besetzten Saal. Mein Verteidiger hatte sein Plädoyer abgehalten, und wir waren zuversichtlich, dass es ein mildes Urteil durch die Geschworenen geben würde. Mein Puls schlug bis zum Halse, als der Richter allen gebot, aufzustehen.
»Verehrte Anwesende, verehrtes Gericht, bitte erheben Sie sich zur Urteilsverkündung.«
Jeder im Saal erhob sich manierlich, es wurde zum Bersten still, und selbst die Pressefotografen ließen Anstand, Respekt und Ruhe walten. Mein Herz schlug bis zum Hals.
»Das Weltgericht verkündet nach dem Ratschluss der Geschworenen der Nationen folgendes Urteil: Im Namen der Menschheit ergeht folgendes Urteil an den Angeklagten: Wegen Planung, Durchführung sowie Herbeiführung eines körperlich-seelischen Schadens an Gesundheit und Leben des Angeklagten, sowie billigender Inkaufnahme von Schädigungen Dritter durch mutmaßliche zeitliche, moralische und materielle Zuwendung durch die Gesundheitsmedizin und gegebenenfalls erforderliche Pflege durch Angehörige bzw. Fachpflege-Personal, wird der Angeklagte Arthur Gribble verurteilt – zu leben! Die Strafe ist unmittelbar anzutreten! Die Gerichtsverhandlung ist somit beendet.«
Ein Raunen ging durch den Saal, die Fotografen machten nun ihre Fotos. Damit hatte niemand gerechnet. In den Medien war durchgesickert, dass man ein Exempel statuieren wollte, was zu den wildesten Mutmaßungen führte. Aber das jetzt übertraf alle Erwartungen. Noch vor Jahrzehnten, als die Gesetze, erwirkt durch Überbleibsel des Pharma-Kartells, es zuließen, hätte man mir in diesem Fall als Erziehungsmaßnahme all die Krankheiten künstlich induziert, die nach damaligem Erkenntnisstand nach bewusstem Gift-Genuss primär eintreten konnten. Kurz vor dem Ableben wäre schließlich meine Gesundheit wieder voll hergestellt worden. Abschreckend war das schon, aber eben keine sichere Prävention für verführerische Momente.
Während der Saal sich allmählich leerte, blieb ich noch eine ganze Weile sitzen und gab mich meinen Erinnerungen hin. Die Fotografen bemerkten mein Insichgekehrtsein, und ließen mich freundlicherweise in Ruhe. Die Bilder sprachen anscheinend für sich. Nun ja, und ein exotischer Krimineller war ich ja nun wirklich nicht.

Mein Interesse galt schon immer dem Leben und den Errungenschaften der vergangenen Generationen. Mit welcher Akribie Grundlagenforschung betrieben wurde, wie Erfahrungen gesammelt, integriert und zum festen Bestandteil von authentischem, echtem Wissen wurden, hatte mich stets begeistert. Es war eine Art von Wissen, dass die damalige Wissenschaft zu ihren Grundlagen gemacht hatte; es musste in Beobachtung und Erfahrung wiederholbar sein. Überliefertes Wissen, das seinen Ursprung aus dem direkt erfahrenen Leben fand, wurde von der Wissenschaft oft sehr lange Zeit infrage gestellt, weil es dogmatischen Denk- und Erkenntnisstrukturen, oder gar wirtschaftlichen Aspekten, zuwider lief.
Vieles von dem, was wir heute über unsere Vorfahren kennen, bleibt für uns ein Rätsel. Aber das erging den nachfolgenden Generationen zu jeder Zeit so. Wir werden heute nie vollständig begreifen können, mit welch unglaublicher Leichtfertigkeit man früher mit seinem besten Gut, der Gesundheit, umging. Kaum vorstellbar, dass es weltweit riesige Ressourcen verschlingende Produktionsanlagen gab, in denen nicht nur Genussmittel produziert wurden, die den Menschen psychisch und physisch zerstören konnten, sondern parallel dazu Unsummen verschlingende, manipulierende Werbung, um den Menschen diesen Genuss als angenehme, zeitgemäße, sozial integrierende und lebensbejahende Erfahrung zu versprechen und schmackhaft zu machen. –     Gewinne standen über alles. Das war Gesundheits-Roulette; in etwa, als würden sich Drei zusammensetzen und eine Wette abschließen, wer von ihnen sich am vorteilhaftesten in den Kopf zu schießen vermag, mit der geringst anzunehmenden Zerstörungswirkung. Verluste und Kosten für die Gesellschaft stiegen ins Unermessliche, und warf sie in der Entwicklung um mindestens Jahrzehnte zurück. Am frappierendsten war jedoch die Tatsache einer überaus verbreiteten Gleichgültigkeit, für die später viele Ursachen aufgedeckt wurden. Vieles war einfach erschreckend egal, und im Zuge der Forschungen wurde aus diesem Begriff egal später sogar die Abkürzung für evil grin at living.

Und ich nun, ich hatte nie verstanden, was unsere Ahnen in mancherlei Hinsicht unter Genuss verstanden, vor allem unter Tabak-Genuss. Manches macht einfach neugierig, und ich fragte mich oft, was sie damals Empfunden haben mögen beim Tabak Schnupfen, Rauchen, Kauen. In meinen häufigen Betrachtungen über solche Themen gab ich mich mitunter kleineren Betätigungen, wie zum Beispiel Holzschnitzereien, hin. Es war so etwas wie ein meditativer Zustand, der meinen Gedankenfluss freien Lauf ließ. Eines Tages ertappte ich mich dabei, eine Pfeife zu schnitzen. Es geschah wie von selbst, aus einer inneren Regung heraus, und ich ließ es weiter geschehen, bis vage Träume reale Gestalt annahmen. Ohne je konkrete Pläne zu schmieden, lief ich mit dieser archaisch anmutenden Pfeife Wochen später durch die geliebte Natur, sammelte hier und da ein paar trockene Gräser und Kräuter, und stopfte damit, gleichsam als Antwort, meinem Freizeitwerk den Rachen. Was war dran am Rauchen, für das damals viele bereitwillig ihr Leben hingaben? Ich zündete die Kräuter an und sog das erste Mal an der Pfeife. Es schmeckte gar nicht mal wirklich schlecht, denn zufällig waren ein paar Pfefferminz-Blätter in die Mischung geraten. Aber damals wurde der Rauch in die Lungen gesogen, damit die Wirkstoffe der Natur über den Blutkreislauf im Körper zur Wirkung gelangen konnten. Also probierte ich einen beherzten Lungenzug – und hustete hernach wie ein Kranker. Und ich musste noch einmal tun, was die Menschen früher täglich und stündlich taten – und hustete wieder fürchterlich. Der Genuss erschloss sich mir so nicht wirklich und würde mir wohl doch ein Rätsel bleiben, obwohl ich wusste, dass man sich diese Art von Genuss über Tage oder Wochen angewöhnen musste, was mich diese Tätigkeit allerdings noch absonderlicher erscheinen ließ. Meine Neugier war also zunächst gestillt und ich klopfte die Pfeife aus, die nun aromatisch duftete. »Ok, ihr hattet damals euren Spaß, und ich muss es nicht weiter verstehen…«, so sinnierend machte ich mich auf dem Heimweg. Aber ich war unvorsichtig. Der erste Getränke-Shop, in welchem ich den Durst meines trockenen Rachens löschen wollte, schlug sofort Alarm. Der Bio-Chip an der Eingangstür meldete abnormale Blutwerte und eine leichte Rauchvergiftung an die örtliche Gesundheits-Wache. Meine persönlichen Daten waren im Nu übermittelt und festgestellt, und man kümmerte sich um mich. Eine Quarantäne wurde nicht für notwendig erachtet, doch die ärztliche Untersuchung endete in einer peinlichen Befragung zu den Umständen.

Somit stellte sich heraus, ich hatte mich der Verantwortungslosigkeit schuldig gemacht, des instinktgetriebenen Genusses mit möglichen Schadfolgen sowie einhergehender Gleichgültigkeit gegenüber allen Konsequenzen mich und meiner Umwelt gegenüber. Dies war nach geltendem Recht eine Straftat – vor allem auch Dritten gegenüber – welche unter Umständen materielle und geistige Ressourcen beanspruchte, wobei dieser Anspruch als Diebstahl ausgelegt wurde, was es bei genauerer Betrachtung ja eigentlich auch war. Kapazitäten, die Notwendigkeiten vorbehalten waren, wurden hier vergeudet, um persönliche Fehltritte zu korrigieren und das bio-vitale Gleichgewicht der Menschheit wieder herzustellen. Ich hatte mich faktisch an gesellschaftlichen Werten vergangen, vergriffen. Die Folgekosten konnte ich sicherlich abarbeiten, jedoch fehlten der Gesellschaft dadurch wiederum die Ergebnisse meiner eigentlich zu leistenden Arbeit, für die ich vor Jahren über einen langen Zeitraum qualifiziert worden war. So war man über Jahre gebrandmarkt, kam sich als Parasit vor. Es sei denn, man konnte durch hervorragende Leistungen in seinem Arbeitsbereich einen zusätzlichen Mehrwert für die Gesellschaft erzeugen, was beim derzeitigen Stand der Technologie allerdings meistens berufenen Teams vorbehalten und für Einzelne kaum mehr zu schaffen war.

Ich fügte mich und gewöhnte mich allmählich an die Situation. Nach Monaten war die Geschichte beinahe vergessen. Während ich Abends mein Tagebuch schrieb, dachte ich jedoch noch oft darüber nach, was Menschen zu bestimmten Handlungen trieb. Der wichtigste Aspekt schien mir Neugier zu sein. Eine Neugier, die mitunter gefährlich werden konnte. Jedoch ohne Neugier hätte ich mir nicht das Wissen aneignen können, dass mich heute meinen hochdotierten, verantwortungsvollen Job ausgerechnet als Gesundheits-Ingenieur machen ließ. Ich war zuständig für Verfahrens-Entwicklungen zur Zell-Regeneration und leitete Forschungen im Bereich „Individuelle Permakultur“. Wir hatten Systeme entwickelt, die es dem Menschen ermöglichten, eine durchschnittliche Lebenserwartung von ca. 180 Jahren zu erreichen – bei vollem Erhalt seiner körperlich-geistigen Kräfte. Und dann kommt da jemand auf die absurde Idee, seine Lungen gezielt mit Rauch zu befüllen. Somit hatte das Urteil seine volle Berechtigung, auch wenn es manche nicht verstanden. Dies zu erklären, hatte ich in den Medien manche Gelegenheit, denn ich war ja nicht der einzige Neugierige.
»Was war denn nun eigentlich das Missliche an Ihrer Verurteilung?«, war eine der Fragen, die mir irgendwann von Journalisten gestellt wurden. Auf einer späteren Veranstaltung, zu der ich eingeladen wurde mit der Bitte, eine kurze Ansprache zu halten, fasste ich meine Antworten zusammen und gab folgendes zu Wort:
»Ich blieb schuldig! Ich konnte nicht ins Gefängnis gehen, nach einiger Zeit wieder herauskommen und sagen: „was wollt ihr noch, ich habe gebüßt, es ist vorbei.“ Nein, ich musste mit meiner Schuld weiter leben, musste mich mit ihr auseinander setzen, musste durch verantwortungsvolles Handeln mir wieder einen festen, sicheren Platz in der Gesellschaft erarbeiten, verdienen. Wie lange die Ächtung andauerte, hing somit von mir selbst ab, es blieb immer etwas Ungewisses bis zur endgültigen Wiedergutmachung.« Pause. »Ohne gesunden Rationalismus gerät man mitunter in Versuchung, zu „Spielen“, sich gefährdenden Aktivitäten hinzugeben. Rationalismus, Sozial-Kompetenz und verantwortliches Folgedenken müssen geschult werden. Unter diesen Prämissen fragte ich mich natürlich: „War es das wert?“ Nein, war es nicht! Wer so handelt, handelt gegen die Prinzipien des Lebens. Das Grundprinzip des Lebens ist Freude. Nichts im Universum gibt sich der „Freude“ hin, herauszufinden, inwieweit Dinge getan werden können, die tendenziell lebensbedrohlich sind. Das Glück des Lebens bedeutet nicht, Leichtsinnigkeit zum vergnüglichen, herausfordernden und reizenden Spiel zu machen, sondern Erfahrungen zu sammeln, die zu mehr Wachstum der Persönlichkeit führen, sich als bewusstes Wesen zu entwickeln und zu erweitern, zum Wohle aller. Und gerade Letzteres verbietet deshalb derartig leichtsinnige Exkursionen.«
Die Menge stimmte mir mit anerkennendem Beifall zu, und ich fühlte mich wieder angenommen. Und irgendwie war ich nun auch froh, dass diese Art der Bestrafung mich meiner Verantwortung nicht enthoben hatte, sondern mir echte Gelegenheit gab, Buße zu tun, die echten Werte des Lebens zu erkennen und kompromisslos anzunehmen. Und auch, in dieser fortschrittlichen Zeit leben und lernen zu dürfen. Diese kurze Ansprache wurde von einigen meiner Freunde klammheimlich auf Video mitgeschnitten, und kurz darauf von Psychologen auf ihre Authentizität und Wahrhaftigkeit geprüft. Das waren Spezialisten, die anhand von Mimik, Gestik und Stimmklang mit absoluter Verlässlichkeit herausfinden konnten, ob man meinte, was man sagte, oder ob man nur taktierend daher redete. Nach einer, Tage später stattfindenden, mehrstündigen Anhörung wurde ich von meiner Verurteilung frei gesprochen, und so konnte ich mich wieder ungezügelt dem Glück des Lebens in all seinen Vielgestaltungen hingeben, um abermals gewissen Gelüsten meiner Ahnen nachzugehen; die diesmal allerdings eher glücklich machen sollten.

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