Das dublierte Papier

Ich saß am Schreibtisch, die Tischleuchte brannte hell, um mich wach zu halten. Vor mir lag ein weißes unbeschriebenes Blatt und wartete darauf, ein neues Buch zu werden. Zahlreiche bekannte Geschichten fielen mir ein. Nur wo war meine zündende Idee … Ich kramte in meinen Erinnerungen, mein Kopf war voll, und hätte vielleicht besser leer sein sollen, um Platz für Neues zu schaffen, neue Ideen, neue Gedanken, Inspirationen. Aber ich hatte keine. Den Schreibstift im Anschlag wartete ich darauf, dass er irgendwie los schreiben würde. In der Vergangenheit hatte es manchmal funktioniert, um meine Kreativität wieder zum Fließen zu bringen. In solchen Momenten fing ich zunächst an alles aufzuschreiben, was mir in den Sinn kam, und oft entwickelte sich daraus eine Idee, die es zu einer bemerkenswerten Eigendynamik bringen konnte. Danach lief es dann immer wie von selber. Aber ich steckte fest, und diesmal wollte nichts ‚hochkommen‘. Mein Verlag hatte mir einen neuen Termin für die nächste Veröffentlichung mitgeteilt und ich musste allmählich wirklich ins Arbeiten kommen. Also saß ich da, mit vollem Kopf vor leerem Blatt. Vielleicht sollte ich mich etwas anregen, Laufen in der Natur, Kaffee, Alkohol, ein guter Film … So ging das jetzt wochenlang, und manchmal nervte es mich. Aber ich war auch stur genug, mich jeden Tag wieder an den Schreibtisch zusetzen. Ich musste nicht nur schreiben, ich wollte es.

Die Tage vergingen, und es tat sich nichts. Die ersten Anfragen des Verlages erreichten mich, und ich wusste kaum, was ich denen antworten sollte. Ich erklärte, ich würde das Manuskript rechtzeitig abliefern, und ein bisschen Herzklopfen hatte ich schon bei dem Gedanken, letztlich ohne Ergebnis dazustehen. Und so saß ich wieder vor dem weißen Blatt Papier, den Stift in der rechten Hand. Ich wurde ungeduldig. Ein paar Schritte an der frischen Luft würden mir gut tun, und beim Spazieren konnte ich besser denken. Die Ungeduld war das Schlimmste, und so versuchte ich über Atemkontrolle Ruhe zu finden; wenn sich kein Ergebnis einstellte, dann war es eben so. Nach dem Spaziergang war ich etwas frischer und motivierter. Ich ließ mir Zeit, ein paar Sachen zu räumen, eine Kleinigkeit zu essen, und hatte wieder die Muße, mich an meinen Schreibtisch zu setzen.

Zunächst ließ ich meinen Blick etwas schweifen, dann, nach einem tiefen Atemzug, richtete ich ihn wieder vor mir auf den Tisch. Beim Starren auf das weiße leere Blatt geriet ich allmählich in einen leichten Trance-Zustand, und schweifte ab in ferne Tagträumereien. Zuerst kamen diffuse Bilder, dann rollten sich vor meinem geistigen Auge unentwegt beschriebene Blätter aus, ausgefüllt mit unterschiedlichsten alten Schriftzeichen, Hieroglyphen, Skizzen, Symbolen, braun, rot, schwarz, manche mit Rändern. Es offenbarte sich mir das Weltenbuch, welches unendliche Geschichten enthielt, solche, die aus längst vergangenen Zeiten erzählten, aber auch welche, die noch geschrieben werden wollten. Ich ließ dieses Treiben zu und versank immer mehr in einem herbstlich-bunten Blätter-Rauschen abertausender herab wedelnder Literarien, durch welche ich Knietief watete. Es wechselte zu einem Schneetreiben, einer Blätter-Vielfalt endloser Schneeflocken, um sich alsdann als leichte Sommerbrise zu entpuppen, in der jede einzelne Polle innerhalb eines Wölkchens unzähliger weiterer Pollen dem Wind seine eigene Geschichte erzählte, bis es seine weite Reise beendete, um neues Leben hervorzubringen. Dann wieder fand ich mich drehend in einem unaufhörlichen warmen Regen samtiger Kirchblütenblätter, beschrieben von fruchtigem Leuchten sommerlichen Verzückens. Mal war es Flut, dann Karussell, dann wieder Treiben. Alles war Wort, wie am Anfang, alles wurde zu Einem, wie am Ende. Die Buchstabensuppe wurde verdaut vom unendlichen Wirken des Werdens und Vergehens. Und während Gott gemächlich den Löffel rührte, vermischten sich die Buchstaben zu immer neuen Kreationen, neuen Begriffen, neuen Welten, ergänzten sich, lösten sich auf, tanzten und starben; eine ewig königliches Spiel.

Das digitale Flöten meiner Telefon-Melodie zerriss jäh die Stille. Das Lektorat wollte die ersten Kapitel, und ich beschwichtigte. Für den Rest des Tages nahm ich frei, ging abends essen und genehmigte mir einen ordentlichen Schluck Rotwein. Nachts träumte ich von einem riesigen, mehrere Kilos schweren Manuskript. Als ich aufwachte, wusste ich, dass ich etwas ändern musste. Es musste ein Schlüsselereignis her, und ich überlegte mir, so etwas wie ein Ritual zu veranstalten, einen Impuls zu setzen. Mein Tagtraum gestern hatte mich fasziniert, beinahe inspiriert, und so gedachte ich, auf diese Weise neue Inhalte zu finden. Am Abend bereitete ich alles akribisch vor. Die Dinge würden wieder in Fluss kommen, mit glühender Feder würde ich wieder heiße Geschichten schreiben, beschwingt und aufgeregt dem Drang des Schreibens folgen. So war ich in einer frohen Erwartung, und trotzdem locker und entspannt. Ich schaltete das Telefon stumm, stellte die Haus-Klingel ab und zog die Vorhänge vor. Es brannte eine Kerze auf dem Tisch und ich saß also wieder vor dem weißen leeren Blatt Papier, einen Stapel weiterer Blätter in Reichweite. Komm, dachte ich, zeige mir eine neue Welt unendlichen Lebens und Geschehens, zeig mir deine Geschichte, lass sie mich sehen, atmen, fühlen. Dann beruhigte sich mein Geist, die Gedanken verflüchtigten sich, und ich sank allmählich wieder, wie schon vortags, in Trance.

Nach abermals anfänglich diffusen Bildern kam mein Traum zurück. Die Blätter fingen wieder an zu tanzen, rissen mich erneut in einen Strudel, der mich schwindelig machte, und zugleich in Informationen tauchte, die für immer an meinem Sein haften bleiben sollten. Das Sein offenbarte sich mir in seiner Ganzheit, in für den menschlichen Geist unauflösbaren Strukturen. Das Unbekannte wurde selbstverständlich, das Selbstverständliche bedeutungslos. Zeitliche und räumliche Dimensionen erweiterten sich in einer unendlichen, undurchdringlichen Tiefe, bar jeder Erkenntnisfähigkeit des menschlichen Verstandes. Dennoch war es eine vertraute Welt, wenn auch sehr vielgestaltiger. Alles Wissen war eingewoben in einer all-durchdringenden Matrix, die sich teilweise in multidimensionalen Zahlenkolonnen darstellte. Es war eine Reise durch die kosmische Vernunft. Ich weiß nicht mit Sicherheit, wie lange dieser Zustand anhielt. Meine Augen hatten sich leicht zum Nullpunkt gedreht, öffneten sich nun endlich, und aus milchiger Undeutlichkeit erblickte ich meinen Schreibstift in der rechten Hand und das Blatt Papier vor mir. Ich blinzelte noch einige Male, um meine Benommenheit zu verscheuchen und meinen Blick zu klären, schaut mich kurz in meiner vertrauten Umgebung um, dann wieder auf das Blatt Papier. – Es war beschrieben! Aber nicht nur das. Der ganze in Reichweite befindliche Stapel Papier lag umgestapelt auf der anderen Seite meines Schreibtisches und war beidseitig beschrieben. Ich nahm das erste Blatt in die Hände und fing ungläubig an zu lesen. Dabei fiel mir auf, das die Schrift eine leichte Vertiefung im Papier hatte, wie leicht eingestanzt. Die Zeilen selber erschienen mir wie mit einer Kalligraphie-Feder geschrieben. Und was ich dort las, waren atemberaubende, teils unerklärliche Geschichten des Universums, wie aus einer anderen Welt kommend. Der Inhalt zeigte sich vor meinem inneren Auge hieroglyphisch, weniger als die uns bekannte Bildersprache, die beim Lesen im Kopf mitunter wie ein Film abläuft.

Ich erhob mich von meinem Stuhl, den Blick gebannt auf das Papier gerichtet, und ging langsam zum Fenster, und von dort aus zur Stehlampe, die ich nun einschaltete, um das rätselhafte Werk unter hellem Licht zu betrachten. Gegen das Licht gehalten zeigte sich, das die Schrift tatsächlich wie in das Papier eingestanzt, oder vielleicht besser gesagt eingedrückt war, was ich mit einem prüfenden Abtasten durch meine Finger bestätigt fand. Ich versuchte mich zu erinnern, was geschehen war, es waren nach dem Blick auf die Wanduhr ungefähr zwei Stunden vergangen. Noch einmal hob ich das Blatt Papier. Und nun geschah etwas noch Merkwürdigeres. Durch das Blatt hindurch sah ich jetzt die zu mir gewölbte Stanzung der Zeilen der mir abgewandten Seite, und zwar versetzt zwischen den lesbaren Zeilen der zu mir gerichteten Seite. Und aus dieser Stanzung bildeten sich ebenfalls Buchstaben und Sätze, die sich inhaltlich vollkommen der gegenüberliegenden Seite eingliederten. Das heißt, zwischen den eigentlichen geschriebenen Zeilen standen die gespiegelten Zeilen der ‚Ausstanzung‘ der anderen Seite; aus 2 Zeilen wurden also 3 Zeilen, aus 3 Zeilen wurden 5 Zeilen, aus 4 Zeilen wurden 7 Zeilen und so weiter. Das Phänomenale war, dass diese Zeilen sich inhaltlich perfekt ergänzten und zum eigentlichen einen völlig neuen Inhalt schufen; er verdoppelte sich faktisch. Das erinnerte mich an gewisse Chiffrier-Methoden, über die ich irgendwann mal gelesen hatte. Zurück an meinem Schreibtisch untersuchte ich auch die anderen Blätter; alle wiesen die gleichen Merkmale auf. Was war geschehen, wem sollte ich das zeigen?!
Mir kam die Überlegung, alles abzuschreiben. Aber wie das Material sortieren? Es gestalteten sich völlig unterschiedliche Szenarien, je nachdem, ob ich die einfache Methode wählte, oder die zusätzlichen Zeilen mit einbezog, was die Arbeit mindestens verdoppeln würde. Ich, oder Es, was immer Es war, hatte ein ganzes Paket Papier von 500 Blatt beidseitig beschrieben! Vielleicht konnte man es in mehrere Teile gliedern, und nacheinander mehrere Teile drucken und verlegen. Ich hatte nun, was ich wollte, und doch nicht. Nach einigen Tagen Nachdenkens rief ich meinen Verleger an und bat ihn zu einem privaten Besuch bei mir. Ich wollte ihn einweihen und mit ihm besprechen, was zu tun war.

Als Carl van Hoekamp, mein Verleger, eintraf, erzählte ich ihm zunächst über die Entstehung des Manuskriptes. Neugierig und fassungslos hörte er mir zu. Die Geschichte klang zu verrückt, aber die Tatsachen lagen auf dem Tisch, da gab es nichts zu deuteln. Carl blätterte in dem Manuskript, hielt einzelne Seiten ins Licht, wendete die Blätter hin und her und sagte eine geraume Weile gar nichts.
»Womit haben Sie das geschrieben?«
»Ich hatte diesen Stift in der Hand.«, sagte ich, und zeigte auf den Stift, der noch auf dem Tisch lag.
»Und wie lange haben Sie dafür gebraucht?«
»Ich weiß es nicht genau, in etwa zwei Stunden.«
»Wie kommen diese Eindrücke nur in das Papier …?«
Ich zog Augenbrauen und Schultern hoch, »Ich weiß es nicht.«
Carl hielt einen Moment inne. »Eine Minute hat 60 Sekunden, mal 60 macht in einer Stunde 3.600 Sekunden. Das ganze mal zwei Stunden sind 7.200 Sekunden.« Er nahm einen Stift und Papier und rechnete kurz.
»7.200 Sekunden durch die 500 Seiten Papier ergeben 14,4 Sekunden pro Blatt. Da sie beidseitig beschrieben sind, hatten Sie im Schnitt pro Seite 7,2 Sekunden Zeit. Beachtlich …!« Er schaute mich über den Rand seiner Brille an. Wir wussten natürlich beide, dass dies nicht möglich war.
»Nun gut, vielleicht haben Sie sich auch in der Zeit geirrt, aber das ist unerheblich. Jedenfalls bleibt ungeklärt, wie diese Schriftmuster in das Papier gekommen sind. Darf ich das Manuskript mitnehmen?«
»Ja, aber rufen Sie mich bitte bald zurück. Und ich möchte Sie bitten, das Manuskript vorerst niemandem in die Hand zu geben.«
Mein Verleger schaute auf. »Für mich stellt sich im Moment die Frage, wie wir das veröffentlichen sollen. Das Original gibt es nur einmal. Es wäre zu überlegen eine Drucktechnik zu entwickeln, die es ermöglicht, diesen Schreib- und Schriftstil in Lettern zu setzen und zu binden. Das wäre drucktechnisch und vor allem geschäfts-strategisch etwas völlig Neues, ein ganz neuer Markt. Je nachdem, wie man das Buch liest, ergeben sich völlig andere Inhalte; ein multiples Lesevergnügen, multiple reading …« Er war schon ganz im Geschäft.
»Und es wirft weitere Fragen auf, zum Beispiel die über eine mögliche digitale Aufbereitung. Sie wissen ja«, lachte er, »die Menschen wollen unterhalten werden. Kommen Sie doch nächste Woche in mein Büro. Ich habe bis dahin mit meinen Mitarbeitern gesprochen, und wir werden dann die Einzelheiten klären, wie wir weiter verfahren werden. Und vielen Dank, Randolph, sehr gute Arbeit!«
Ich stimmte zu. Wir verabschiedeten uns, dann war mein Verleger weg, und mein Manuskript ebenfalls. Und wenn auch manches ungewiss blieb, so war ich doch irgendwie erleichtert. Ich musste raus, an die Luft. Bei tiefen Atemzügen fragte ich mich, ist das alles wahr? Mir kam ein Satz von Pablo Picasso in den Sinn: »Die Inspiration existiert, aber sie muss dich bei der Arbeit finden.« Nun, das hatte sie wohl.

Die erste Woche verstrich, ich war neugierig und froher Erwartung. Die zweite Woche zog vorüber, und ich sagte mir, »locker bleiben, die Dinge brauchen ihre Zeit«. Als die dritte Woche zu Ende ging, hegte ich den Gedanken, beim Verlag anzurufen und mal nachzufragen, wie weit denn Entscheidungen bereits getroffen wurden, wie man weiter mit dem seltsamen Manuskript verfahren wolle. »Geduld« war meine Devise, »warte noch ein paar Tage«, dachte ich. Nach Erhalt meines Honorars und dem Vorschuss für das nächste Buch würde ich ohnehin erst mal Urlaub machen, um den Kopf wieder frei zu bekommen für neue Projekte. Aber es sollte alles anders kommen. Ich erhielt einen Anruf. Carl meldete sich am anderen Ende der Leitung.
»Hallo Randolph, ich grüße Sie. Wie laufen die Dinge bei Ihnen?«
»Hallo Carl, soweit ganz gut. Ich treffe meine Urlaubsvorbereitungen. Sobald sich das Buch im Druck befindet, gönne ich mir ein paar Tage an der Südsee, und dann geht’s mit Volldampf weiter.«
Carl lachte, »Urlaub hört sich gut an. Könnte ich auch mal wieder gebrauchen. Autor müsste man sein! – Ähm, von welchem Buch sprechen Sie?«
»Von welchem Buch?! Ich meine das Manuskript, dass Sie neulich Abend bei mir mitgenommen haben!«
»Manuskript?! Welches Manuskript?«
Ich kannte Carl mit seinen Späßen, die Geduld des anderen auf die Probe zu stellen. Mitunter liebte er diese Machtspielchen. Ich grinste und sprach:
»Na kommen Sie schon, Carl, spannen Sie mich nicht auf die Folter. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen? Was für Pläne haben Sie mit dem Buch?«
»Randolph, ich weiß jetzt nicht genau, von was Sie reden, aber Ihren Humor fand ich schon immer sehr unterhaltsam. Momentan habe ich allerdings nicht allzu viel Zeit zum Scherzen. Eigentlich rufe ich wegen folgender Sache an. Ihr Manuskript ist seit Wochen überfällig. Wegen Ihres inzwischen unangemessenen Zeitverzugs wollte ich Ihnen eigentlich mitteilen, dass wir vorläufig keine weiteren Arbeiten annehmen können. Hinzu kommt, dass sich unser Verlag inmitten äußerst wichtiger Entscheidungen und Umstrukturierungen befindet.«
»Ähm …, Carl, Moment mal bitte …«, wollte ich ihn unterbrechen.
»Randolph, lassen Sie mich bitte kurz zu Ende sprechen. Wir wissen Ihre Arbeiten sehr zu schätzen, deshalb betrachten Sie unsere Entscheidung bitte nicht als Affront. Sie wissen doch wie das ist in geschäftspolitischen Angelegenheiten. Deshalb nehmen Sie das bitte nicht persönlich. Sie sind gut und werden ohne Probleme in Kürze einen neuen Verleger finden.«
»Carl?! Ich hatte Ihnen mein Manuskript in die Hand gegeben! Sie waren doch vor über drei Wochen den ganzen Abend bei mir, und ich hatte Ihnen erzählt, wie ich in einem Trance-Zustand das Manuskript schrieb!«
»Trance …? Nehmen Sie Drogen?«
»Drogen? Ich bin gerade ziemlich konsterniert, weil wir beide völlig aneinander vorbeireden.«
»Ich weiß nicht, was Sie sich da zusammen phantasieren, ich wünsche Ihnen auf jeden Fall alles Gute, und das Sie Ihre Probleme in den Griff bekommen!«
Carl legte den Hörer auf. Ich war sprachlos. Noch einmal erinnerte ich mich des Geschehens vor Wochen, sah mich das Papier prüfen. War ich denn schon völlig übergeschnappt? Es war unglaublich. Ich wusste nicht mehr, was Wirklichkeit war, und was nicht. Ich sollte mir jetzt einreden lassen, ich hätte alles nur geträumt? Es tutete aus dem Hörer, den ich nun endlich auflegte. Das konnte ich ja kaum jemandem erzählen! Zum Anwalt gehen …? Ich musste wieder an die Luft.

Während meines langen Spaziergangs fasste ich den Entschluss, Carl schriftlich zur Herausgabe des Manuskriptes aufzufordern und an seine Ehrlichkeit und Verantwortung zu appellieren. Sicher, es war nicht wirklich mein Werk, aber wem, wenn nicht mir, gehörte es? Da nicht wirklich viel Arbeit drin steckte, konnte ich den Verlust gegebenenfalls verkraften. Aber das Carl womöglich ein Riesengeschäft mit dieser Einzigartigkeit machte … Ich nahm mir vor, die Aktivitäten des Verlags im Auge zu behalten.

Meinen Urlaub genoss ich wie geplant an der Südsee, die weiten weißen Strände, das herrliche Klima, die Freundlichkeit der Menschen, Palmen und das geliebte türkise Meer, in welchem ich mich immer wieder Zuhause und geborgen fühlte, wie im Fruchtwasser der schützenden Blase von Mutter Natur. In langen Spaziergängen verlor ich mich im stillen, feierlichen Schein der Morgenröte mit seinem verheißungsvollen Tagesversprechen und zur Dämmerstunde im Finale herrlicher Symphonien der Abendröte, und gab die vergangenen Dinge vertrauensvoll der Vorsehung anheim. Wie wenig braucht man, um eins zu werden mit sich und der Umwelt, zufrieden und gelassen. Ein paar Flugstunden fernab der Zivilisation, Sonne im Gesicht, etwas Wind auf der Haut, und am Tagesende einen guten Cocktail. Alles Wichtige wird unwichtig, alles Unwichtige wesentlich, präsent, essentiell. In dieser Stimmung konnte ich an Carl einen freundschaftlichen Gruß formulieren, sein Gewissen anrühren, ohne Vorwürfe und Forderungen.

»Lieber Carl, nach den doch ziemlich bewegenden letzten Geschehnissen finde ich fernab unserer hektisch-lauten Welt Zeit und Ruhe, die letzten Ereignisse zu verarbeiten, loszulassen, und wieder Zugang zu den wesentlichen Dingen zu finden. Im Nachhinein bleibt manches, wie so oft, unerklärbar, zuweilen mysteriös. Die Natur, das Unmittelbare an Erleben, an Erfahrung, das sporadische, unerwartete, aufregende Zusammensein mit Menschen, vertraut oder neu, war mir bislang die beste Droge, Empfindungen, Ereignisse wiederzugeben, und damit geneigte Leser in den Bann zu ziehen. Das viel gespeichte Rad der Literatur wird heute kaum jemand mehr neu erfinden; was zählt, sind neue Erfahrungen, Einsichten, und besonders Gefühle, welche bewegen, mitreißen. Eine selbst-bewusste, multidimensionale Natur mag dabei zu Resultaten kommen, die selbst heute noch ungewöhnlich erscheinen, und zunächst befremdlich daher kommen mögen. Solcherart Resultate werden dem Schöpfer nie genügen, sind allein dafür ganz sicherlich nicht bestimmt, verlangen Erweiterung, Verbreitung, zum Gewahrwerden, zur Erfahrungsbereicherung anderer, die dafür empfänglich, affin sind, am allerwenigsten wohl lediglich zur Kenntnisnahme. Somit bin ich besten Glaubens, dass meine neue, vielleicht ungewöhnliche, Schrift auf vorherbestimmten Bahnen ihren Weg zu den LeserInnen finden wird, welche reif sind für neue Erfahrungen, Erlebnisse. In diesem Sinne grüßt Sie Ihr, Ihnen ergebener, Randolph.«

Die freie Zeit neigte sich dem Ende zu, und ich traf die Vorbereitungen für meine Heimreise. Neue Eindrücke, Emotionen und Begegnungen hatten mich erfüllt und gaben mir ausreichende, frische Inspirationen für neue, vielversprechende literarische Projekte. Das Leben war unerschöpflich und suchte immer wieder nur – einen neuen Spiegel.
Der Rückflug war traumhaft. Aus luftiger Höhe bot sich uns in der aufsteigenden Dämmerung ein grandioses Panorama der untergehenden Sonne über einen unglaublich weiten Horizont. Der Pilot hielt seine Fluggäste ständig darüber auf dem Laufenden, welche Städte unter uns zu den fernen, zivilen Lichteranordnungen gehörten. Ansonsten war es sehr still in der Kabine, und irgendwann schlief ich ein.

Wir kamen auf dem Flughafen an. Noch während das Flugzeug auf der Landebahn ausrollte, viel es mir auf, sprang es mir entgegen. Noch mehr, als wir standen, und schließlich in seiner ganzen Präsenz, als ich über den Flugplatz Richtung Parkhaus lief. – Plakate. Riesige Plakate. »Gutenberg 2.0! Die Revolutionierung des Buchdrucks! Geschichten aus einer anderen Zeit – Erste Vorlesung am 03. Februar 2068!« Und ganz unten prangte in fetten Lettern – Carl van Hoecamp Verlag. »Ok«, dachte ich, »es geht los!«
Zum angekündigten Termin begab ich mich zur Buchhandlung, um der viel beworbenen Vorlesung beizuwohnen. Alles war glänzend vorbereitet, und ich nahm einen Platz inmitten der anderen Gäste ein. Um kein Aufsehen zu erregen, war ich quasi incognito erschienen. Sonnenbrille und Hut sollten sicherstellen, dass ich unerkannt blieb. Ich war ja kein Unbekannter, und hatte selber bereits Vorlesungen gehalten. Ansonsten hätte man mir einen der reservierten Plätze angeboten, und irgendjemand von Carls Mitarbeitern wäre womöglich aufmerksam auf mich geworden. Und so trank ich meinen Kaffee, ließ meinen Blick umherschweifen und erwartete mit Spannung den Beginn der Veranstaltung. Wer würde wohl vorlesen? Vor allem, was? Ich hatte natürlich die Vermutung, oder eher den Verdacht, dass es sich hierbei um mein originales Manuskript handelte, und wollte erst einmal abwarten. Außerdem hatte ich überhaupt noch keinen Plan, wie ich die Sache gegebenenfalls auffliegen lassen wollte.

Es waren eine Menge Leute da, Verleger, Journalisten, Autoren, sehr viele geladene Gäste, sogar ein paar kulturpolitische    Lokal-Entscheider, was immer auch ihr Beitrag zur Kultur war. Die Chefin des Hauses erschien gut gelaunt in festlicher Aufmachung und schickte sich zu einer kurzen Begrüßung an.
»Sehr verehrte Gäste, liebes Publikum! Wir begrüßen Sie alle recht herzlich zur Erstvorstellung eines neuen epochalen Werkes aus dem Verlagshaus van Hoecamp. Aus besonderem Anlass wird heute Carl van Hoecamp persönlich die Vorlesung beginnen und Ihnen im Anschluss daran gerne ihre Fragen beantworten, die sich auf das neue Buch sowie die neuartige Drucktechnik beziehen. In diesem ganz besonderen Moment erfreuen wir uns nun der außergewöhnlichen Lektüre eines außergewöhnlichen Menschen, der den Buchdruck zu einem multidimensionalen Ereignis revolutioniert hat. Wir begrüßen nun Carl van Hoecamp!«
Ich traute kaum meinen Ohren. Carl tauchte hinter einem Vorhang auf und setzte sich auf den Vorlesestuhl. Jetzt wollte ich es wissen; ich nahm die Sonnenbrille ab und steckte sie ohne den Blick von Carl zu lassen in die linke Brusttasche meines Jacketts. Ich fixierte ihn und beobachtete jede kleinste Regung seines Gesichts und seiner Bewegungen.
Carl lächelte, genoss den Applaus und schaute in die Runde. Dann hörte er auf zu lächeln; er erblickte mich und schaute mir einige Sekunden direkt in die Augen. Sein Blick senkte sich und eine gefühlte Ewigkeit herrschte Schweigen. Dann fing er an zu reden.

»Meine Lieben Gäste! Es freut uns sehr, Sie hier so zahlreich zu sehen. Wir stehen vor einer neuen Ära der Buchdruckerkunst. Dabei ist die Digitaltechnik nicht immer das Entscheidende für neue Entwicklungen. Noch immer sind Ideen, Kreativität und neue Wege zu ihr gefragt, die auch heute noch oft nur über die Begabungen und Fähigkeiten von ganz besonderen Persönlichkeiten erschlossen werden; Menschen mit speziellen Denkweisen, außergewöhnlichen methodischen Ansätzen und ihrer kompromisslosen Liebe zur Sache, und manchmal zu einem Leben führt, dass wir Anderen niemals als normal akzeptieren könnten.
Unser Verlag hat einen Quantensprung in der literarischen Unterhaltung gemacht, der uns weitere Türen zu noch ungeahnten Möglichkeiten öffnen wird.
Einer dieser besonderen Menschen, von denen ich eben sprach ist…,« Carl blickte kurz hoch und sah mich an »ist…, Randolph Brunell.« Carl machte eine Geste in meine Richtung, doch ich wartete noch einen Moment mit einer Reaktion.
»Randolph, kommen Sie bitte nach vorne!« Ich schaute nach beiden Seiten, bemerkte die auf mich gerichteten Augenpaare und erhob mich langsam. Ich hatte absolut keine Ahnung, was hier gerade geschah, was ich gleich sagen würde, wie Carl überleiten würde. Während ich mich gemächlich durch die Sitzreihe links in Richtung Gang an Besuchern vorbei wurschtelte, versuchte ich mir einigermaßen den kommenden Ablauf vorzustellen. Welche Position würde ich gleich beziehen…?
Den Blick auf Carl gerichtet begab ich mich nach vorne. Wir standen uns gegenüber und schauten uns eine Weile an. Carl versuchte ein Lächeln.
»Liebe Gäste, wir begrüßen Randolph Brunell!« Ich schaute in die klatschende Menge und versuchte ebenfalls ein Lächeln.
»Der Meister und Erfinder unserer neuen Unterhaltungskunst ist heute höchst persönlich anwesend, und wird nach ein paar kurzen Worten aus seinem jüngst erschienen Werk vorlesen.« Abermals wohlwollender Beifall.

Ich versuchte mich zu sammeln und blickte auf das Pult vor mir; ich ließ mir Zeit. Als es still war hörte ich mich reden.
»Liebe Besucher, liebe Literaturfreunde! Manche Geschichten sind so seltsam, und manchmal verrückt, dass man sie kaum erzählen mag. Weil man Ungläubigkeit, Zweifel befürchtet, oder gar, sich oder andere zu beschämen.« Ich blickte kurz zu Carl an die Seite und sah sein angespanntes Gesicht.
»Und diese Geschichten müssen nicht einmal erfunden werden. Tagtäglich, überall auf der Welt, sogar heute und jetzt hier, geschehen die unglaublichsten Dinge, die nie aufgeschrieben werden, um den Leser zu erstaunen. Mein neues Buch enthält nur einige dieser faszinierenden Geschichten.
Was heute ist, kann kurz danach schon völlig anders sein, das Leben ist ständig im Wandel und für niemanden absolut sicher vorhersehbar. Freuen wir uns also über Veränderungen, nehmen wir sie dankbar an und machen das Beste daraus!
In all den eben angedeuteten Weltgeschichten nehmen meine, erfundenen, keine besondere Stellung ein, wenngleich sie dem Leser ein hoffentlich außergewöhnliches Lesevergnügen bereiten mögen. Das Verdienst des Verlages Hoecamp ist allerdings, aus neuen Herausforderungen eine neue Drucktechnik entwickelt zu haben, die vielen ein neues, reiches Buchabenteuer schenken wird. Gerne lade ich die verehrten Leser und Leserinnen dazu ein, meine neuen Geschichten zu lesen, zu erfahren. Doch außergewöhnliche Geschichten verlangen besondere Muße, ein privates, vertrautes Ambiente, z. B. zu Hause im Bett, vielleicht sogar mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke, oder am Kamin, vielleicht vorgelesen vom Liebsten. Lesen ist immer, oder wenigstens meistens, Rückzug in Stille, ganz bei sich und nur mit sich selbst.
Wenn dies gelungen ist, Ihnen wieder etwas mehr eigene, spannende und dennoch friedliche Zeiten in guter Unterhaltung zu schenken, dann erfreut mich das, und wir werden uns vielleicht zu erhebendem Anlass irgendwann wiedersehen. Dankeschön fürs Zuhören und Ihnen allen einen guten Tag!«

Ich stand auf, verbeugte mich und warf noch einen kurzen Blick zu Carl, bevor ich die Buchhandlung verließ. Was Carl nun machte, war mir einigermaßen egal. Vielleicht las er tatsächlich noch etwas aus meinem Buch. Jedenfalls war ich wieder zufrieden mit mir selbst. Ich hatte niemanden brüskiert, hatte nun meinen Frieden gemacht und sah bestimmt neuen, guten und wortreichen Zeiten entgegen.

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