Arbeitslosigkeit – verdientes Resultat technologischer Entwicklung

Als 1844 der Weberaufstand als erste proletarische Bewegung gegen Lohnverfall und Ausbeutung losbrach, hatte dieser seine Ursache in der beginnenden Industrialisierung – die neuen Webmaschinen waren eine tödliche Konkurrenz für die alten Webstühle und vernichteten die ersten Arbeitsplätze der alten Manufakturen. Der technische Fortschritt durchzog allmählich auch alle anderen Produktionsbereiche, so dass dieses Problem der »Rationalisierung« zunehmend ein gesellschaftliches wurde. Heute im 21. Jhd. haben wir im Prinzip die gleiche Situation, auch wenn der allgemeine Lebensstandard überall erheblich gestiegen ist. Dies allerdings auch nur im Rahmen der Kapital-Gesetze. Denn dem Arbeiter muss noch so viel Geld zur Verfügung bleiben, dass er die Produkte der Fabrikbesitzer auch noch kaufen kann.

Den 8-Stundentag bezeichnet man seit 1856 als „Symbol für demokratisch erkämpfte Arbeitnehmerrechte“ (Wikipedia). „In Deutschland ist der Achtstundentag seit 1918 gesetzlich vorgeschrieben.“ Aber erst ab 1965 setzte sich (in Westdeutschland) die 5-Tagewoche mit 40 Arbeitsstunden durch. Ab 1990 wurde durch die IG Metall sogar teilweise eine 35-Stundenwoche durchgesetzt, die jedoch ab Mitte der 1990er Jahre wieder schrittweise auf 40 Stunden hoch gesetzt wurde. Der Samstag gilt übrigens bis heute als Werktag, wenn auch in vielen Branchen nicht mehr als Arbeitstag.

„Der vielgerühmte Fortschritt in der Verringerung der Arbeitszeit ist eigentlich gar keiner: Bedenkt man, daß schon in der Antike nicht mehr als 40 Stunden und im Mittelalter nicht mehr als 45 Stunden pro Woche gearbeitet wurde, so relativiert sich die moderne Forderung nach der 40-Stunden-Woche erheblich. Im Grunde wurde nur in einem langen zähen Kampf an Freizeit zurückerobert, was die Industrialisierung mit ihrem protestantischen Arbeitsethos genommen hatte (damals arbeitete man noch ca. 80-90 Stunden pro Woche!). Im Vergleich zur Reduzierung der Arbeitszeit bestand der Fortschritt viel eher in der Einführung eines geregelten und bezahlten Urlaubs, den man früher überhaupt nicht kannte.“
Quelle: uni-muenster.de

150 Jahre Mechanisierung, Automatisierung, Computerisierung, Entwicklung von Kommunikationstechniken, Einsatz effizienterer Logistik und, und, und, führte immer wieder zu Rationalisierungsprozessen mit dem Ziel, in weniger Arbeitszeit mehr zu erwirtschaften. Dieses Ziel wurde zumeist erreicht, und hätte konsequenterweise zu einer fortgesetzten Verringerung der Arbeitszeit führen müssen, weil die gleiche Leistung in weniger Arbeitszeit vollbracht wurde. Und zwar direkt über kürzere Tagesarbeitszeiten, oder indirekt über mehr Urlaub, keine Streichung von Feiertagen u. schließlich über neue Arbeitszeitmodelle. Oder aber es hätte zu einem steten und deutlichen Anstieg der Löhne führen müssen. Doch trotz Wirtschaftswachstum und eines unglaublichen, verschwenderischen Überflusses, der inzwischen apokalyptische Ausmaße angenommen hat, verkürzte sich unsere Arbeitszeit – nicht, sogar das Gegenteil ist eingetroffen! Dafür steht vor allem folgender wichtiger Grund:

Das Zinssystem

Das Zinssystem ist »Schuld« daran, dass unsere gigantisch und künstlich aufgeblähte (Welt-) Wirtschaft mit ihrer enormen Leistungskraft gezwungen ist, immer noch mehr zu produzieren. Es müssen neue Produkte her, es müssen neue Märkte her, und dies, obwohl wir in überreichem Maße mit Gütern aller Art versorgt sind, und wir für die grundlegende Versorgung der Bevölkerung sowie die Wahrnehmung kultureller Bedürfnisse längst nicht mehr brauchen, als wir schon lange haben. Noch so neue, tolle technische Spielereien und Moden können die Inhalte wahrer Kultur auch gar nicht ersetzen. Anstatt also die technologischen Errungenschaften als solche zu nutzen, und um mehr Arbeitsentlastung und Zeit für den Einzelnen zu verwirklichen, müssen stetig wachsende Zinsforderungen befriedigt werden. Das dies letztlich wirtschaftlich, ökologisch und kulturell in den Kollaps führen muss, steht außer Zweifel und ist längst für jeden erkennbar.

Neue Märkte und Produkte mögen auch etwas Gutes haben, nur wachsen diese nicht proportional mit der zinsabhängigen, sich weiter rationalisierenden Wirtschaft. Sonst hätten wir keine »Arbeitslosen«. Es muss also, unvermeidbar, eben wegen der steten Rationalisierungsprozesse, Arbeitslose geben – dies ist ein ökonomisches Gesetz, dem die Politiker mit ihrem Konjunkturankurbelungsgeschwafel schuldig bleiben. – Sie belügen uns, denn sie wissen es, und arbeiten Hand in Hand mit der Industrie für unsere weitere und zunehmende Ausbeutung, ein System erhalten wollend, das sich selber in den Kollaps treibt. Denn jedes Wachstum, gar erst auf einem begrenzten Territorium wie unserer Erde, hat eben seine Grenzen.

Ist Arbeitslosigkeit also nicht auch ein Verdienst ständig wachsender Technologie?
Zeitgewinne sind doch letztlich die Früchte der Rationalisierung! Das Ziel technologischen Fortschritts sollte doch letztendlich etwas Befreiendes für die Menschen haben und nicht etwas knechtendes. Letzteres wird aber so lange anhalten, wie wir gezwungen sind, immer mehr zu produzieren; Dinge, die weit über unsere Lebensbedürfnisse hinausgehen, z.T. völlig überflüssig sind, und im Ergebnis ökologisch mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Zinsbedingter Wirtschafts-Wachstumszwang bewirkt aber noch einen weiteren leidigen Umstand, welcher allerdings zunächst ein mögliches grenzenloses Wachstum vorgaukelt; Exportzwang. Denn kein Land kann auf eigenem Territorium grenzenlos-wachsend Produkte herstellen und absetzen. Der eigene Markt ist – unter diesen Umständen – irgendwann einfach gesättigt, und dann muss exportiert werden, um die Wirtschaft weiter ankurbeln zu können, was ja eigentlich gar nicht nötig wäre. Und schon sind wir bei Wirtschaftskonflikten und -kriegen. Handel an sich ist natürlich etwas nützliches, aber nicht mehr, wenn dahinter Zwang und ein Kräftemessen stehen.

Den Kapital-Gesetzen zufolge führt dies zu einer weiteren Monopolisierung, nach dem Motto »der Starke frisst den Schwachen«, und nun, global, werden sich weiterhin immer mehr Geld und Güter bei immer weniger Vermögenden zentrieren. Immer mehr Menschen haben immer weniger, und lassen sich von dieser Minderheit fremdbestimmen. Bei so viel zentralisierter Macht ist die Demokratie, wenn nicht schon heute, irgendwann gesetzmäßig in Frage gestellt. Haben wir dann einen »Hightech-Absolutismus« mit vollständiger Kontrolle des Einzelnen über bargeldlose Systeme wie Geldkarten und schließlich Chips, die dann, der »Sicherheit« halber, unter die Haut implantiert werden? Der geneigte Leser mag sich Vers 13:16 der Offenbarung in Erinnerung rufen: »Und es übt auf alle Menschen einen Zwang aus, auf die Kleinen und die Großen und die Reichen und die Armen und die Freien und die Sklaven, dass man diesen auf ihrer rechten Hand oder auf ihrer Stirn ein Kennzeichen anbringe und dass niemand kaufen oder verkaufen könne, ausgenommen jemand, der das Zeichen hat …« Der Chip ist längst fertig, getestet und wird bereits in einigen Staaten eingesetzt. Es wird höchste Zeit, dass sich mehr Menschen, und auch die Verantwortlichen in der Gesellschaft, fragen: »wo führt das alles hin …?!«
Genauso berechtigt ist sicher die Frage nach dem Sinn mancher Arbeit, die getan wird um der Arbeit willen (»Geld verdienen«), und nicht weil sie nötig ist, getan werden muss. Kaufhäuser wurden gebaut, um gewinnbringend zu verkaufen, nicht um zu versorgen. Wir arbeiten, damit Produkte (v)erkauft werden können. Wir planen, entwickeln, wetteifern, erschaffen, um zu verkaufen. Wir lernen und studieren, um zu verkaufen. Und wir leben und arbeiten, um zu kaufen, um Geld in die Taschen der Fabrikanten zu spülen.

In seinem Werk »Die neue Welt und das Ende der Lohnarbeit: Entwurf einer direkten Demokratie mit einem kommunistischen Wirtschaftssystem« wies D. Dante mit dem Zahlenmaterial des Statistischen Jahrbuchs 1988 (!) nach, dass mit den verfügbaren Produktionsüberkapazitäten eine Arbeitszeit von fünf Stunden wöchentlich (!) ausreichen würde, um den heutigen Lebensstandard (bezieht sich auf 1992, dem Erscheinen der Erstausgabe) halten zu können. Dabei wird von der Versorgung der Bevölkerung ausgegangen, nicht von dekadentem Wohlstands-Konsum. Jeder Staat müsste dabei die Selbstversorgung entsprechend den Erfordernissen mit Nahrungsmitteln, Kleidung, Wohnungen, sowie Unentbehrliches für Bildung und Kultur sicherstellen, und sich von jeglicher Abhängigkeit frei machen. Dies funktioniert natürlich nur in Zusammenarbeit der einzelnen Staaten weltweit. (Etwas Ähnliches durchsetzen zu wollen gegen den weltweiten Finanz- und Staatenbund bezahlte Deutschland im zweiten Weltkrieg mit seiner Vernichtung.) Weiterhin ist die Abschaffung des Zinssystems unabdingbar, um keinen künstlichen und unsinnigen Wachstumszwang der Wirtschaft mehr auszulösen, und dadurch gefesselte Arbeitskräfte freizusetzen, für elementare Belange.

Die Gesellschaft muss endlich verstehen, dass eine fortlaufende Technisierung zwingend zur Folge hat, dass die menschliche Arbeit sich zunehmend auf das nötigste reduzieren muss und wird. Dadurch wird uns immer mehr Zeit zur Verfügung stehen, um uns mit wesentlicheren Dingen wie Bildung und Kunst beschäftigen zu können, oder Arbeit zu verlagern. Das, was wir als Arbeitskultur entwickelt haben, ist nicht unser wahrer Lebensinhalt, und hat zerstörerischen Einfluss auf die gesamte Kultur. Man impft uns von klein auf mit der scheinbaren Folgerichtigkeit und Notwendigkeit einer Gesellschaft mit unaufhörlichem Wirtschaftswachstums.

Da die Wissenschaft und die technische Entwicklung nie stillstehen werden, werden zunehmend bis zur Vollständigkeit (sicher mit wenigen Ausnahmen) zukünftig alle Produktionsprozesse automatisiert werden. Wer dann noch das Bedürfnis nach besonderer Arbeit hat, wird sie auch weiterhin tun können, und wird sich dabei gewiss mit anderen einen Arbeitsplatz teilen müssen. Übersehen wir nicht, dass Arbeit eines der Grundbedürfnisse des Menschen ist. Wir müssen und werden immer arbeiten, das ist nun mal einer der Antriebe des Menschen. Die Art der Arbeit, der Grund für Arbeit, wird sich jedoch ändern, ändern müssen, indem sie sich wieder ihren natürlichen Ursprüngen und Bedürfnissen annähert.

Arbeitslosigkeit ist also eine Errungenschaft unserer technischen Zivilisation, und kein Übel, geschweige denn etwas, das ein schlechtes Gewissen verursachen müsste! Arbeitslosigkeit ist nicht das Anzeichen einer schlechten Wirtschaft, sondern im Gegenteil, die Konsequenz einer sehr effektiven, denn unsere Produktivität ist auf Grund unserer heutigen Technologie so hervorragend, dass sie die Bevölkerung ausgezeichnet versorgen kann, trotz Verzicht auf die Arbeit von Millionen arbeitsloser Menschen. Und trotz der (wachsenden) Millionen zählenden Arbeitslosen-Heere wächst die Wirtschaft weiter! Der gesetzmäßige Vorgang der sich weiterhin reduzierenden Arbeitszeit setzt zunehmend ein enormes Potential geistiger sowie körperlicher Kräfte frei für zukünftige positive gesellschaftlich-kulturelle Entwicklungen, die wir zu erwarten haben. Und wir werden dieses Potential dringend benötigen, wenn es darum geht, die Probleme der Menschheit zu lösen, die nicht Arbeitslosigkeit und schwächelnde Märkte heißen, sondern ökologischer, demografischer und möglicherweise terrestrischer Art sind.

Arbeitslosigkeit ist ein Geschenk an viel persönlicher Freizeit, die jeder zu kreativer Entfaltung wahrer Berufung nutzen kann und sollte. Wie viele wünschen sich so viel Zeit für sich und ihre wirklichen Interessen, müssen aber 8 Stunden lang »Geld verdienen gehen«, um Frau und Kind zu versorgen? Dafür tun sie oft irgendeine Arbeit, arbeiten eigentlich für andere, und eigene wahre Lebensinhalte bleiben ungelebt.

Bevor die Gesellschaft Arbeitslosigkeit als ein folgerichtiges Ergebnis zunehmender technischer Entwicklung begrüßen wird, werden wohl noch viele dazu genötigt werden, Arbeit zu verrichten, die letztlich nur dazu dient, andere reicher zu machen und ein immer schneller wachsendes Zins-Ungetüm zu füttern, bis dieses eines Tages mit lautem Knall zerplatzt, nachdem es die Natur zerstört und die meisten Menschen und Staaten in den Ruin getrieben hat. Ist es dafür erdacht worden?

Zitate

»In den Regionen, wo wir leben, ist die Entfremdung so weit fortgeschritten, dass die Menschen eigentlich überflüssig geworden sind. Du kommst auf ’ne Welt, die dich überhaupt nicht mehr braucht, wo alles danach organisiert ist, dass du am besten wieder verschwindest, und wenn du schon nicht verschwindest, dass du so viel wie möglich kaufst. Um zu kaufen, brauchst du Geld, und deshalb musst du arbeiten, aber aus keinem anderen Grund.«
(Manfred Maurenbrecher)

»Der technikabhängige »gelebte« Mensch unserer Tage geht, wenn auch noch immer von der Illusion möglicher Selbstverwirklichung beherrscht, auf seine selbstverschuldete Knechtung ins Computerjoch und damit auf seine geistig-seelische Verkrüppelung, auf den totalen Sinnverlust zu.«
(Helmut Uhlig in »Das Leben als kosmisches Fest«)

8- Stunden Tag

Eine Gewerkschaftliche Errungenschaft?
In der Hochphase der Industrialisierung traten selbst die Arbeitgeber für kürzere Arbeitszeiten ein – nicht, weil sie von besonderem Idealismus beseelt waren, sondern weil sie überzeugt waren, dass Überarbeitung und Müdigkeit Schaden anrichteten und dass Sicherheit, Ruhe und ein Minimum an Familienleben sich auf lange Sicht auszahlen würden. Die Folge war ein allmähliches und stetiges Sinken der Arbeitszeiten in den Vereinigten Staaten während der gesamten zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und eine einschneidende Kürzung – von zehn Stunden auf acht Stunden am Tag – in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. 1930 kündigte der Wirtschaftsvisionär W. K. Kellog (der von den Cornflakes) ein revolutionäres Experiment an: Nahezu alle Beschäftigten seines riesigen Unternehmens in Battle Creek sollten ab sofort nur noch sechs Stunden am Tag arbeiten. Die Verringerung der Arbeitsstunden wurde nur von minimalen Lohnkürzungen begleitet, weil Kellogg glaubte, dass eifrige Arbeit den Ausfall der Stunden wettmachen würde. Dieses Programm war ein sofortiger Erfolg. Eine typische Reaktion war etwa die Erklärung eines Wirtschaftsmagazins auf der Titelseite, dies sei »die größte Neuerung in der Industrie seit Fords Fünf-Dollar-pro-Tag-Politik«. Fast zwanzig Jahre lang funktionierte Kelloggs Konzept hervorragend. Nach dem Zweiten Weltkrieg hofften die Arbeiter, aus dem Konsumaufschwung des Landes in der Nachkriegszeit Profit zu ziehen, und forderten einen Achtstundentag. In den fünfziger und sechziger Jahren bewegten sich die Beschäftigten von Kellog stetig auf einen Achtstundentag zu. 1985 gaben die noch verbliebenen Verfechter der alten Regelung, von denen drei Viertel Frauen waren, auf.

(Quelle: Robert Levine; Eine Landkarte der Zeit: Wie Kulturen mit Zeit umgehen; Piper; 1997)

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